“The end of business as usual is not near, it’s here.”
Ich erlebe dieses Gefühl täglich, während ich neue KI-Lösungen teste und in meiner täglichen Arbeit anwende. Ich bin aktuell in den Schlusszügen meines neuen KI-Buchs, bei dem ich mich auf eine eigene Lernreise begeben habe, indem ich dieses Buch im Team mit meinen KI-Agenten schreibe. Wir Professoren sind es gewöhnt, im Team mit anderen Wissenschaftlern und Doktoranden zu publizieren, Rechercheaufgaben zu delegieren und aus Einzelwerken ein Gesamtwerk mit rotem Faden zu formen. Die Zusammenarbeit mit agentischen KI-Kollegen hingegen, die in atemberaubender Geschwindigkeit große Wissenschaftsdatenbanken und umfangreiche Studien in allen Sprachen aus aller Welt auswerten können, ist selbst für Professoren, die über KI forschen und lehren, eine neue Form des Arbeitens. Ich komme mir gerade vor, als würde ich eine neue Art des “Ping-Pong”-Spiels erlernen, das zwischen mir und meinen spezialisierten KI-Agenten stattfindet. Ich schlage die Bälle rüber in ihr Spielfeld, sie schlagen zu mir zurück, mal haben wir “schnelle” Ballwechsel, mal lasse ich die Agenten unter sich spielen und lasse sie bewusst gegeneinander antreten, dann greife ich wieder ins Spiel ein. Mal bin ich fasziniert von diesen Ballwechseln und manchmal auch genervt. Dann unterbrechen wir das Spiel mit einer Auszeit und ich erkläre meinen Agenten, was die Spielregeln sind, die ich ihnen offenbar detaillierter erklären muss. Ich lege dann dar, wie ich mit ihnen weiterspielen möchte, damit die Ergebnisse passen. Und manchmal stelle ich auch einen Agenten vom Platz, weil mir sein Spiel nicht gefällt, und programmiere mir einen neuen. Das alles ist keine “Raketenwissenschaft”, sondern auf Basis von Plattformen wie der Co-Pilot Suite von Microsoft, dem GPT-Builder von OpenAI oder der Agentenplattform von Google Gemini sehr einfach möglich – auch ohne Programmierkenntnisse auf Basis von “No-Code”.
Mache ich mich mit dieser Zusammenarbeit mit autonom agierenden KI-Agenten und meinen Publikationen darüber, wie wir “AI Augmented Professionals” werden, eines Tages selber überflüssig? Werden dann zukünftig KI-Agenten Bücher über KI verfassen und ich bin in meiner Rolle als Autorin gar nicht mehr gefragt? Diese spezifische Frage lässt sich in eine generelle Frage überführen, die Fokusthema dieser Newsletterausgabe ist: “Wer bleibt im Zeitalter von Hyperautomatisierung unersetzlich?” Und vor allem auch: “Was kann ich selber tun, um eben nicht ersetzbar zu sein?“
Die KI-Transformation betrifft alle Berufsgruppen
Wie hoch das jeweilige Substituierungspotenzial menschlicher Tätigkeiten durch Technologie ist, lässt sich anhand folgender Matrix gut erklären, die ich entwickelt habe:
- Hohes Substituierungspotenzial: Tätigkeiten, bei denen die Bedeutung der Qualität der sozialen Interaktion eher gering ausgeprägt ist und der Fokus auf Optimierung und wiederkehrende Genauigkeit liegt, lassen sich in der Regel gut automatisieren. Das Substituierungspotenzial ist also hoch. Als Beispiele hierfür sind Sachbearbeitertätigkeiten, Qualitätskontrolle oder Softwareentwicklung zu nennen.
- Moderates Substituierungspotenzial: Tätigkeiten, bei denen die Bedeutung der Qualität der sozialen Interaktion hoch sind und der Fokus auf Optimierung und wiederkehrenden Tätigkeiten liegt, weisen ein moderates Substituierungspotenzial auf. Aufgrund der ausgeprägten Bedeutung einer guten sozialen Interaktion ist bei diesen Tätigkeiten weiterhin der Mensch gefragt, aber bestimmte Anteile der Aufgaben lassen sich an KI delegieren. Als Beispiel sind hier Tätigkeiten von Assistenten, Anwälten, Steuerberatern, Personalern und Beratern zu nennen.
- Moderates Substituierungspotenzial: Ebenfalls ein moderates Substituierungspotenzial haben Tätigkeiten, bei denen die Bedeutung der Qualität der sozialen Interaktion zwar eher gering ausgeprägt ist, aber ein starker Fokus auf menschlicher Intuition und human-kreativer Problemlösung liegt. Auch hier lässt sich KI einsetzen, aber es bedarf weiterhin Menschen mit ihrem Bauchgefühl und originärer Kreativität. Als Beispiele sind Kriminologen, Zollbeamte, Autoren oder auch Künstler zu nennen.
- Geringes Substituierungspotenzial: Das geringste Subsituierungspotenzial liegt bei Tätigkeiten vor, bei denen der Mensch aufgrund der hohen Bedeutung der Qualität der sozialen Interaktion gefragt ist und die Tätigkeiten eine ausgeprägte menschliche Intuition und human-kreative Problemlösungen erfordern. Natürlich gibt es auch bei diesen Tätigkeiten das Potenzial, KI einzusetzen, um die Arbeit besser zu erledigen. Aber der Mensch bleibt hier unersetzlich, weil Menschen bei diesen Aufgaben Menschen vorziehen. Als Beispiele sind Kindergärtner, Lehrer, Altenpfleger oder Ärzte zu nennen.
Die KI-Transformation der Arbeitswelt betrifft grundsätzlich alle Berufsgruppen, wenn auch mit unterschiedlicher Wucht und Stoßrichtung. Die Aneignung von KI-Kompetenz ist daher für alle empfehlenswert; sie wird bis 2030 zur Basiskompetenz, so selbstverständlich wie die Fähigkeit heute, einen PC zu bedienen. Wer das nicht beherrscht, kann kaum noch wettbewerbsfähig arbeiten.
Wir haben so viel selber in der Hand, wie wir unsere Tätigkeiten ausführen
Bedeuten die grundsätzlichen Substituierungspotenziale, dass wir jetzt alle eine Tätigkeit auswählen sollten, die in dem „grünen Quadranten“ zu verorten ist? Hier lohnt sich ein differenzierter Blick: Selbst Tätigkeiten aus dem „roten“ Quadranten lassen sich in einer Art und Weise ausführen, dass das Substituierungspotenzial geringer ist als zunächst angenommen. Ein Beispiel hierfür: Ich habe einen zuverlässigen Fahrer, der mich zu meinen Terminen fährt, zum Flughafen bringt und dort wieder abholt. Sein Job wäre durch autonom fahrende Autos in Zukunft grundsätzlich automatisierbar. Er reichert seinen Job aber durch „Menschlichkeit“ an, so dass ich ihn einem autonom fahrenden Auto weiterhin vorziehen werde: Er kommt morgens zur Tür und nimmt mir freundlich mein Gepäck ab. Er fragt mich grundsätzlich, wie es mir emotional geht, wenn ich zum Flughafen fahre und am liebsten bei meinen Kindern bleiben würde. Er findet empathische Worte. Er wartet bei der Abholung in der Ankunftshalle am Flughafen und hat vorher im Starbucks meinen Lieblingskaffee abgeholt. Er sorgt für kühle Getränke im Auto. Diese „Anreicherung“ von Tätigkeiten um eine nicht automatisierbare Menschlichkeit ist eine Chance, Jobs in den Händen von Menschen zu bewahren, obwohl sie grundsätzlich automatisierbar wären. Das gleiche Prinzip gilt auch für die anderen Quadranten der Matrix. Eine bewusste Delegation ausgewählter Tätigkeiten an Technologie ermöglicht es, wertvolle Kapazitäten freizuspielen, um den Fokus stärker auf Menschlichkeit zu legen, die eben nicht in gleicher Qualität durch Technologie zu erreichen ist. Menschen sehnen sich nach Menschlichkeit, nach Empathie, nach Wertschätzung, nach Aufmerksamkeit, nach Wärme. Das ändert sich auch nicht, wenn wir uns nun vom „Homo Sapiens“ zum „Homo Augmentus“ weiterentwickeln.
Um Menschen, die ihre bisherige Rolle um den Faktor “Menschlichkeit” anreichern, die aus menschlichen Begegnungen “Magic Moments machen, die Vertrauen und nachhaltig tragfähige soziale Beziehungen aufbauen, mache ich mir in nächster Zeit am Arbeitsmarkt wenig Sorgen.
Was heißt das konkret für mich als Autorin? Beim Schreiben meines Buches ist es meine Aufgabe, meine KI-Agenten zu steuern, zu orchestrieren, ihre Ergebnisse zu kontrollieren, ggf. zu korrigieren und dann menschlich zu veredeln. Mein neues Buch wird so klingen wie ich selbst. Nicht nach der aalglatten “Chat-Bot-Rhetorik”, die wir alle nicht mehr lesen können. Ich werde selbst das Buch auf Veranstaltungen und Presseterminen vorstellen. Ich bin mir bewusst, dass es nicht nur um die Inhalte des Buches geht, sondern vor allem auch um mich als Person, die glaubwürdig, authentisch und menschlich die Inhalte des Buchs vertreten wird. Ich gebe den Aussagen in dem Buch mein Gesicht.
Fazit: Es bleibt sehr viel vom Menschen, wenn wir es richtig angehen
Wir steuern zwar auf ein Zeitalter der Hyperautomatisierung zu, bleiben jedoch soziale Wesen mit sozialen Bedürfnissen. Ich habe bislang noch kein einziges Elternteil getroffen, das sich gewünscht hat, dass der Fachkräftemangel in Kitas durch den Einsatz von humanoiden „Betreuungsrobotern“ abgefedert werden sollte. Ebenso habe ich bislang noch kein Grundschulkind kennengelernt, das sich wünscht, die Klassenlehrerin, die den Kindern Grundfähigkeiten, Sozialverhalten und Freude am Lernen vermitteln soll, möge durch einen „humanoiden Lehrroboter“ ersetzt werden. Und als ich vor einiger Zeit auf dem Rückflug von Singapur nach München saß und mein Flugzeug von einem Blitz getroffen wurde, da war ich sehr glücklich über die vertrauenswürdige Stimme des menschlichen Kapitäns aus dem Cockpit, der uns Passagieren empathisch sagte, dass „nichts passiert sei“ und wir sicher weiterfliegen könnten.
Ironischerweise fordert uns Technologie heraus, uns durch Menschlichkeit zu differenzieren, um nicht substituiert zu werden. Und gleichzeitig verschafft sie uns durch Automatisierungspotenziale die zeitlichen Freiräume hierfür. Wir haben jetzt die historische Chance, eine Arbeitswelt zu schaffen, die deutlich cooler und zugleich wärmer ist. Eine Arbeitswelt, die deswegen wärmer wird, weil wir Menschen uns wieder auf das konzentrieren können, wofür wir eigentlich geschaffen worden sind.
Ich bin sehr zuversichtlich, dass sehr viel vom Menschen bleibt, wenn die Maschinen übernehmen. Wenn wir es richtig angehen.