
Die "Known UnKnowns" und die "Unknown Unknowns" unserer Arbeitswelt mit KI: Wie wir uns trotz Unsicherheit vorbereiten können
Prof. Dr. Yasmin WeißProfessorin · Aufsichtsrätin · Autorin · Speakerin“Eine grundsätzliche veränderbare Situation, die Du nicht veränderst, wählst Du.”
Ich lebe in München. Dort baut ein namhaftes Automobilunternehmen gerade in großem Ausmaß Stellen ab. Zeitgleich testet Waymo, das zum Google-Mutterkonzern, Alphabet, gehört, ab sofort autonom fahrende Robo-Taxen. Und eine große Drogeriekette baut ein neues Kassensystem aus, bei dem keine menschlichen Kassierer mehr benötigt werden. Die Signale des Arbeitsmarkts sind deutlich: Der Wandel erfasst alle Branchen und Qualifikationsniveaus.
Das ist nur der Anfang einer völlig veränderten Arbeitswelt, in der KI und Robotik omnipräsent sein werden. Ich treffe gerade mehr Menschen in München, die gerade versuchen, ihre persönliche Abfindung nach vielen Jahren Konzerntätigkeit auf die maximale Höhe zu verhandeln oder die missmutig ihren Job wie immer machen (ich meine an dieser Stelle unfreundliche Münchner Taxifahrer), als dass ich Menschen treffe, die sich bewusst für die neu entstehenden Jobs der KI-Transformation weiterbilden und eine neue zukunftsträchtige berufliche Identität angenommen haben.
In dem Satz: “Eine grundsätzlich veränderbare Situation, die Du nicht veränderst, wählst Du”, steckt viel Wahrheit. Das gilt für alle Lebensbereiche und damit auch für unsere persönliche berufliche Situation. Wer KI ignoriert, wird vom Arbeitsmarkt der Zukunft ignoriert. Wer glaubt, seinen Job wie bisher machen zu können, wird schon bald den Preis der beruflichen Irrelevanz bezahlen. Wer den Blick jetzt nicht strategisch in die Zukunft richtet, verschenkt wertvolle Zeit, in der eine berufliche Neuausrichtung möglich ist. Ein Freund von mir nennt dies “strategisch in Kauf genommene Inkompetenz”. Die Begründung dafür hat oftmals zwei Facetten:
- Menschen bewegen sich oftmals erst, wenn der Schmerz des Verweilens in der gegenwärtigen Situation größer wird als der Schmerz der Veränderung.
- Oder sie meinen, dass “Handeln unter Unsicherheit” wenig bringt, da sichere Informationen vorliegen müssen, um zielorientiert handeln zu können.
Dieser Newsletter ist daher bewusst den “Known Unknowns” und den “Unknown Unknowns” unserer Arbeitswelt mit KI gewidmet. Er soll Antwort geben darauf, warum wir auch unter Unsicherheit ins Handeln kommen sollten, bevor der Schmerz des Verweilens in der gegenwärtigen Situation (z.B. in Form von Arbeitsplatzverlust und beruflicher Irrelevanz) zuschlägt.
Der Unterschied zwischen “Known Unknowns” und “Unknown Unknowns”
Unsere Arbeitswelt wird sich bis 2030 stärker verändern als wir uns derzeit vorstellen können. Mit dieser Entwicklung geht eine beispiellose Unsicherheit einher:
- Es gibt Fragen, die wir zwar schon kennen, aber noch keine guten Antworten darauf gefunden haben (“Known Unknowns”).
- Und es gibt offene Fragen, von denen wir noch gar nicht wissen, wie wir sie konkret formulieren sollten, da sich die Grundlagen für diese Fragen gerade erst entwickeln (“Unknown Unknowns”). Das was eintreten kann, liegt oft jenseits unserer persönlichen Vorstellungskraft.
Aber: Es ist durchaus möglich, dass wir uns auf eine noch unbekannte Zukunft der Arbeit mit vielen offenen Fragen vorbereiten können.
Die “Known Unknowns”: Fragen, auf die wir noch keine guten Antworten haben
Diese Fragen liegen auf dem Tisch; es ist nun an uns, hierauf tragfähige Antworten zu finden. Die Zeit drängt, denn die Implikationen sind schon jetzt spürbar.
- Das Reskilling-Geschwindigkeits-Dilemma: Wir wissen, dass bis 2030 weltweit rund 59 % der berufstätigen Menschen Weiterbildung benötigen werden, um ihren Job zeitgemäß ausführen zu können. (Quelle: Future of Jobs Report 2025 vom World Economic Forum). Noch nie gab es flächendeckend einen so ausgeprägten simultanen Weiterentwicklungsbedarf. Die ungelöste Frage lautet: Wie beschleunigen wir unser Lernen so massiv, dass unsere Lernprozesse, die aus Learning, Unlearning und Relearning bestehen, mit der Veränderungsgeschwindigkeit mithalten können? Wie schaffen wir es, die Belegschaften rechtzeitig für neue Rollen zu qualifizieren, bevor ihre bisherigen Rollen wegfallen? Und wie begeistern wir Menschen für eine Technologie, die das Potenzial hat, viele von uns zu ersetzen oder in der Anpassungsgeschwindigkeit zu überfordern (Techno-Stress)?
- (Aus-)Bildung für eine unbekannte Welt: “We’re entering an unfamiliar world.” Wie bilden wir für diese aus? Was sollen wir erlernen, wenn viele Anforderungen der Zukunft bislang noch gar nicht bekannt sind?
- Die „gebrochene Sprosse“ am Karrierestart: In KI-exponierten Berufen sinkt die Anzahl von Jobs für Berufseinsteiger signifikant. Wir müssen smarte Antworten darauf finden, wie vor diesem Hintergrund langfristig die Nachwuchssicherung in Unternehmen gewährleisten, wenn KI immer mehr die Aufgaben von Berufseinsteigern übernimmt.
- Systemische Resilienz unserer Sozialversicherungssysteme: Wenn Erwerbsbiografien unstetiger werden (häufigere Jobwechsel, regelmäßige Weiterbildungsphasen), wie sichern wir Einkommen, Rente und Krankenversicherung für die Menschen ab? Wie managen wir die absehbare Gleichzeitigkeit von Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel? Wie gehen wir damit um, dass wir perspektivisch deutlich weniger Menschen mit mehr Kompetenzen am Arbeitsmarkt benötigen werden? Wenn wir hierauf keine guten Antworten finden, gefährden wir den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft.
Die „Unknown Unknowns“: Die blinden Flecken unserer Vision auf die Arbeitswelt der Zukunft
Darüber hinaus gibt es Fragen, die wir noch nicht einmal klar definieren können, die aber erhebliche Auswirkungen auf unsere Arbeitswelt der Zukunft haben werden:
- Schleichendes “Deskilling“: “We embrace convenience before we understand the long-term consequences of AI.” Wir nutzen also KI weit verbreitet zur Effizienzsteigerung und Aufgabenerledigung (z.B. bei Hausaufgaben), riskieren aber ein dauerhaftes „Cognitive Offloading“ – das Auslagern komplexen Denkens an Maschinen. Die kritische Frage für die Zukunft lautet: Wie vermeiden wir es, dass wir schleichend die Fähigkeit verlieren, selber zu denken und zur unabhängigen Urteilsbildung fähig zu sein, wenn wir den „produktiven Widerstand“ beim Problemlösen aufgeben? Wenn KI immer leistungsfähiger wird, wie kann unsere humane Intelligenz hier langfristig mithalten, bzw. was bedeutet “mithalten” dann überhaupt noch?
- Der schleichende Kontrollverlust über KI: In der Biologie gibt es wenig Beispiele, dass eine niedriger ausgeprägte Intelligenz eine höhere Intelligenz kontrolliert. Nun schlägt KI in weiten kognitiven Dimensionen die Leistungsfähigkeit unserer menschlichen Intelligenz. Die Frage, wie wir Menschen die Kontrolle über eine sich exponentiell entwickelnde künstliche Intelligenz, insbesondere AGI, behalten, ist auch deswegen noch nicht geklärt, weil wir die Potenziale von AGI noch nicht genau kennen. Die Entwicklungsgeschwindigkeit, mit der an AGI in den USA und China geforscht wird, übersteigt die Geschwindigkeit der Forschung, wie wir Menschen die Kontrolle über KI behalten, um ein Vielfaches. In dieser ungelösten Frage sehe ich persönlich eine der größten Bedrohungen für uns als Menschheit. Konkret lautet hier die Frage: “Are we racing towards collective suicide…and how can we prevent this?”
- Berufliche Identität nach dem Wissens-Monopol: Wenn Expertenwissen durch KI zu niedrigen Grenzkosten verfügbar wird und Laien immer mehr befähigt werden, Aufgaben von Fachkräften zu erledigen, worauf gründet sich dann unser berufliches Selbstbewusstsein und Identität? Wie gehen wir Menschen gut damit um, wenn jahrelang erworbene Fähigkeiten entwertet werden und was macht das mit uns? Wie freunden wir uns mit neuen beruflichen Identitäten an, die wir nicht immer frei gewählt haben? Auch auf diese Fragen, deren Konsequenzen sich erst zeigen werden, müssen wir Antworten finden.
Und dann kommt noch die Robotik ins Spiel, die bis 2030 sehr große Fortschritte machen wird. Die Zusammenführung von Smart Hardware (Robots) mit Smart Software (KI) in Form von “Embodied AI” wird viele Aufgaben übernehmen können, die heute noch von Menschen verrichtet werden. (Auf die humanoiden Haushaltsroboter freue ich mich.)
Mein Fazit: Ins Handeln kommen- auch bei Unsicherheit
Das größte Risiko für uns sind nicht die “Known Unknowns” oder die “Unknown Unknowns” an sich, sondern Passivität und das Nicht-Handeln. Erfolg im dynamischen KI-Zeitalter erfordert eine radikale Veränderungsfähigkeit von uns selbst sowie eine Neuausrichtung unserer Systeme auf das, was uns als Menschen einzigartig macht: die Fähigkeit, uns permanent an Veränderung anzupassen sowie auch unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.
Erfolg entsteht durch das Zusammenkommen von Chance und guter Vorbereitung. Wir können uns vorbereiten. Es ist kein Geheimnis, welches “Skill Stack” - also welche Fähigkeitenkombination - bis 2030 stark gefragt sein wird. Und noch haben wir Zeit, uns anzupassen. Was dieses “Skill-Stack der Zukunft” genau ist, beschreibe ich ausführlich in meinem neuen Buch “Was bleibt vom Menschen, wenn die KI übernimt”. Es ist soeben erschienen und überall im Buchhandel erhältlich.
Wer verändern möchte, muss verstehen. Ich wünsche mir, einen Beitrag zu leisten, dass mehr Menschen verstehen, wie sie ihre berufliche Relevanz und Gestaltungsfähigkeit am Arbeitsmarkt der Zukunft erhalten und weiter ausbauen können. Denn in der anstehenden Veränderung entsteht auch eine große Chance und viele berufliche Nischen, die noch nicht besetzt sind. Wir wären doof, sie nicht zu nutzen.
Herzlich
Eure Yasmin Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in meinem LinkedIn-Newsletter. Zum Original auf LinkedIn ↗


