“We stand at a critical turning point in our shared human story, with multiple futures to choose from.”
Sich zu Verlieben ist eines der schönsten Gefühle der Welt. Schaffen wir es – gerade in herausfordernden Zeiten, in denen wir positive Gefühle mehr denn je benötigen – , eine Vision für unsere Zukunft der Arbeit mit KI zu entwickeln, in die wir uns kollektiv verlieben können? Ich habe dieses Thema bewusst für die aktuelle Ausgabe meines Newsletters gewählt, weil wir aus meiner Sicht eine solche positive Vision benötigen.
Ich arbeite derzeit mit einer Reihe von Unternehmen zusammen, die ich bei der KI-Transformation in ihrem Unternehmen begleite. Was dabei auffällt, ist, dass kaum eines dieser Unternehmen bislang eine klare Vision entwickelt hat, wie sie sich die zukünftige Mensch-Maschine-Kollaboration genau vorstellen und was die Konsequenzen hieraus für die menschlichen Belegschaften sind. Es gibt wenig Klarheit darüber, wie bis 2030 mit KI-Assistenten, KI-Agenten, KI-Avataren und “embodied AI” (Kombination aus Robotik und KI) in den Unternehmen gearbeitet werden soll und was die damit verfolgten Zielsetzungen sind. Wenn dies unklar beliebt, können Ängste entstehen. Psychologisch ist es unmöglich, sich in etwas zu verlieben, vor dem wir eigentlich Angst haben. Momentan versuchen viele Arbeitgeber die Quadratur des Kreises:
- Einerseits wollen sie ihre Belegschaften für die Zusammenarbeit mit KI begeistern und veranstalten “AI Learning Weeks” und schaffen Experimentierräume.
- Und anderseits lassen sie dabei offen, ob die realisierten Produktivitäts- und Effizienzgewinne zu spürbarem Arbeitsplatzabbau bis 2030 führen wird.
Diese Widersprüchlichkeit spüren Unternehmen in Form von Widerständen bei der KI-Adoption und -nutzung. Das Fehlen einer Vision für die Arbeitswelt in 2030 in den Unternehmen mag vor allem in der Annahme begründet sein, dass eine realistische Vision zum jetzigen Zeitpunkt nicht entwickelbar sei, da wir gerade disruptive Technologiesprünge erleben und die Rahmenbedingungen von hoher Unsicherheit und Ambiguität geprägt sind. Das allerdings ist ein Trugschluss. Es liegt in der Natur von starken Visionen, ambitionierte Zukunftsbilder aufzuzeigen, die sich unrealistisch anfühlen, wenn man sie mit dem Status-Quo vergleicht. Aber lieber wird doch eine ambitionierte Vision verfehlt, als dass gar keine existiert und damit die Orientierung für alle Menschen im Unternehmen fehlt.
Aus der Motivationsforschung wissen wir, dass Menschen außerordentlich viel leisten und auch Durststrecken aushalten können, wenn sie eine starke Vision als attraktives Zielbild vor Augen haben – einen „Nordstern“, auf den sie zulaufen. Die KI-Transformation unserer menschlichen Arbeit ohne Vision lässt viele Fragen offen, kann Sorgen in der Belegschaft befeuern und erschöpfend wirken. KI-Transformation mit positiver Vision hingegen kann Sinn stiften, Orientierung geben und Menschen einladen, die Gestaltungsaufgabe anzunehmen und ihren jeweiligen Beitrag zur Zielerreichung zu leisten. Die Vision erklärt das „Warum“ hinter der Transformationsreise. Sie beantwortet nicht nur, wohin wir wollen, sondern auch, wofür sich die Anstrengung lohnt. Ich bin überzeugt: Die Zukunft unserer menschlichen Arbeit ist kein Schicksal, das uns widerfährt. Sie ist ein Raum, den wir selber gestalten können. Und genau deshalb lohnt es sich, eine Vision zu entwickeln, in die wir uns wieder verlieben können.
Von was wollen wir in der Arbeitswelt der Zukunft “weniger” und von was “mehr”?
Stellen wir uns eine Arbeitswelt vor, in der wir deutlich weniger Zeit mit repetitiven, administrativen und „zeitfressenden“ Tätigkeiten verbringen. Eine Arbeitswelt, in der wir weniger koordinieren, weniger Informationen suchen, weniger dokumentieren müssen – weil intelligente KI-Systeme uns genau dort entlasten, wo unsere Zeit bislang gebunden war, ohne echten Mehrwert zu schaffen. Stellen wir uns eine Arbeitswelt vor, in der psychisch belastende, physisch anstrengende oder sogar gefährliche Tätigkeiten konsequent von Technologie übernommen werden. Nicht um Menschen zu ersetzen, sondern um sie zu schützen, zu stärken und zu entlasten.
Und stellen wir uns gleichzeitig eine Arbeitswelt vor, in der wir mehr Raum und zeitliche Kapazität haben für das, was menschliche Arbeit wirklich wertvoll macht: für originäres Denken, für Gedanken, die noch nie gedacht worden sind, für Kreativität, die aus der Kombination aus Freude, Vorstellungskraft und Gestaltungswillen entsteht, und für zwischenmenschliche Interaktion, die von Aufmerksamkeit und Zuwendung geprägt ist. Eine Arbeitswelt, in der die Qualität der Zusammenarbeit genauso wertgeschätzt wird wie die Qualität der Ergebnisse und in der menschliche Stärken nicht an den Rand gedrängt, sondern bewusst ins Zentrum gestellt werden.
In einer solchen Arbeitswelt verschiebt sich der Fokus von reiner Produktivität hin zu echter Menschlichkeit, denn diese Zielgrößen sind keine grundsätzlichen Widersprüche. Es zählt nicht mehr nur, wie viel wir erledigen, sondern welchen Unterschied wir machen. Arbeit wird weniger durch Routinen und „Abarbeiten“ einzelner Tätigkeiten definiert, sondern durch menschliche Beiträge, die Bedeutung haben. Und genau darin liegt die eigentliche Chance von KI: nicht nur Effizienzgewinne zu realisieren und komplexe Probleme besser zu lösen, sondern menschliche Arbeit substanziell aufzuwerten und wieder näher an das heranzuführen, was Menschen intrinsisch motiviert, erfüllt und antreibt.
Leitplanken für die Entwicklung einer positiven Vision
Hier also der Versuch, eine Vision für unsere Arbeitswelt zu entwickeln, die das Potenzial zum „Verlieben“ hat. Die einzelnen Elemente dieser Vision können als “Leitplanken” dienen, die jedes Unternehmen anpassen und einzelne Elemente hierfür herausgreifen und neue hinzufügen kann. Diese Vision soll Anregung sein, für das, was möglich ist, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden. Die Leitplanken dieser Vision spiegeln nicht nur die Zielsetzung, sondern auch die Wertvorstellungen wieder, die Unternehmen bei der KI-Transformation zugrunde legen.
- KI in der Arbeitswelt der Zukunft muss kein Machtverlust für den Menschen sein. Sie ist zunächst ein Möglichkeitsraum in Form eines technologischen Angebots, das wir durch die Entscheidungen, die wir heute treffen, in eine bestimmte Richtung lenken können.
- Die Mensch-Maschine-Kollaboration ist kein definiertes Nullsummenspiel im Sinne von: Wo KI an Bedeutung gewinnt, verliert der Mensch. Wir haben die Möglichkeit, durch die Zusammenführung von humaner und künstlicher Intelligenz einen “größeren Kuchen” zu backen. Dann muss es auch nicht zwingend zum Abbau menschlicher Arbeitsplätze kommen, sondern neue können geschaffen werden.
- Wir können KI bewusst dort einsetzen, wo Menschen knapp sind und wo menschliche Qualität besonders zählt. So kann KI etwa in der Pflege, Medizin und Bildung für uns Menschen Routinen und administrative Tätigkeiten spürbar reduzieren und damit das freisetzen, was am wertvollsten ist: Unsere menschliche Empathie, Aufmerksamkeit, Zuwendung und intuitive Urteilskraft.
- Wir können KI besonders dort einsetzen, wenn es um höchste Anforderungen an Präzision und Geschwindigkeit in der Problemlösung geht.
- Wir können uns bewusst für das Prinzip der „AI Complementarity“ entscheiden. Damit ist gemeint, dass die Arbeit im Unternehmen mit KI so gestaltet wird, dass der Hauptfokus des KI-Einsatzes nicht auf Maximierung des Automatisierungsgrads liegt, sondern auf der Ergänzung und Erweiterung menschlicher Fähigkeiten, um Innovationen hervorzubringen, Probleme besser zu lösen und in Summe mehr zu leisten.
- Die Chance der Zusammenarbeit mit KI liegt nicht in der Umverteilung der Aufgaben zwischen Mensch und Maschine, sondern in der grundsätzlichen Aufwertung menschlicher Arbeit. Wenn mehr Menschen Zugang zu anspruchsvolleren und höherwertigen Tätigkeiten erhalten, entsteht nicht nur ökonomischer Wert, sondern auch ein neues Gefühl von Arbeitsqualität und Selbstwirksamkeit. Arbeit wird weniger von Begrenzung geprägt (Herkunft, Ausbildung), sondern stärker von Entwicklung, die durch die Kooperation mit KI möglich ist.
- In einer solchen Arbeitswelt gewinnt Zeit eine neue Qualität. Es geht nicht nur darum, Zeit zu sparen, sondern sie sinnvoller zu nutzen und menschzentriert zu reallokieren. KI kann uns Menschen helfen, wertvolle Zeit zurückzugewinnen, die wir für bessere Entscheidungen, für tiefere Beziehungen, für mehr Freude am Miteinander und für eine bessere Balance unserer privaten und beruflichen Lebenswelten nutzen können.
- Führung bekommt in dieser Vision eine neue Rolle: Sie gestaltet nicht nur Prozesse, sondern neue Möglichkeitsräume. Sie definiert nicht nur Ziele, sondern den Sinn und den Kern menschlicher Arbeit. Und sie schafft nicht nur Effizienz, sondern befähigt Menschen, produktiver und angenehmer zu arbeiten als jemals zuvor.
- Europa hat dabei die Chance, eine ethische und menschenzentrierte Führungsrolle bei der Gestaltung einer besseren Arbeitswelt mit KI einzunehmen. Nicht durch technologische Dominanz allein, sondern durch die bewusste Verbindung von technologischer Innovation, Verantwortung für den Menschen und gesellschaftlichem Fortschritt. Gerade in einer Zeit, in der ein globales Wettrennen um mehr technologische Leistungsfähigkeit entbrannt ist, kann Europa zeigen, dass der Einsatz von Technologie und Menschlichkeit keine Gegensätze sein müssen.
Unternehmen, die sich trauen, auf Basis dieser Kernideen eine neue Vision für die Arbeit in ihrem Unternehmen zu entwickeln, werden beginnen, Arbeit radikal neu zu denken: Es geht um die intelligent gestaltete Kollaboration zwischen Mensch und Maschine zum Wohle der Menschen. Es geht also nicht um die Maximierung des Einsatzes von Technologie, sondern um die Maximierung des menschlichen Nutzens hieraus.
Die zentrale Frage lautet daher nicht, was KI mit uns Menschen macht, sondern was wir mit KI machen.
Genau darin liegt die große Gestaltungsverantwortung und -chance unserer Zeit. Am Ende geht es nicht nur um eine neue Arbeitswelt, sondern um ein neues Verständnis von menschlicher Leistung. Diese bemisst sich dann nicht mehr allein an dem Ergebnis, sondern auch an Wirkung, an Qualität der Zusammenarbeit und an nachhaltigem Beitrag für ein besseres Miteinander.
Eine Arbeitswelt, in die wir uns verlieben können, ist keine Utopie. Sie ist eine reale Option. Aber sie entsteht nicht von selbst. Sie entsteht dort, wo Menschen den Mut haben, eine ambitionierte, positive Vision zu entwickeln und dann die Disziplin aufbringen, jeden Tag konsequent daran zu arbeiten, diese Vision Schritt für Schritt Wirklichkeit werden zu lassen. Starten wir als Gemeinschaft der „Mutigen“ und gestalten eine Arbeitswelt der Zukunft mit einer ambitionierten positiven Vision.
Einen guten Start in die neue Arbeitswoche.
Herzlich
Eure Yasmin Weiß