“We are driving in the fog, and it is extraordinarily difficult to anticipate what will happen next. It’s the right time for a coordinated effort to bring clarity to a confusing situation.” Tom Cunningham

Wir müssen jetzt handeln.” So einfach, aber so deutlich lautet der Aufruf, den 16 Nobelpreisträger und führende Ökonomen und KI-Forscher jüngst unterschrieben haben – auch ich. Der Aufruf – veröffentlicht am 13. Juli 2026 unter dem Titel “We must act now” vom Stanford Digital Economy Lab wurde initiiert von den Ökonomen Erik Brynjolfsson, Ajay Agrawal, Anton Korinek, and Tom Cunningham. In der Erklärung werden führende Wirtschaftswissenschaftler, politische Entscheidungsträger und prägende Persönlichkeiten aus der Technologiebranche weltweit dazu aufgerufen, ihre Forschung zu den wirtschaftlichen Auswirkungen von KI deutlich zu intensivieren. Ziel ist die Schaffung und rasche Umsetzung der politischen Rahmenbedingungen und der Institutionen, die erforderlich sind, um sicherzustellen, dass KI dem Wohl der Menschheit dient – und nicht schaden wird.

KI-Entwicklungsgeschwindigkeit schneller als Erforschung der Konsequenzen

Ausgangspunkt des Aufrufs ist die Feststellung, dass die Fähigkeiten von KI sich deutlich schneller entwickeln als unser Verständnis der daraus resultierenden wirtschaftlichen Auswirkungen auf Individuen und Gesellschaft. Der Grundtenor der Erklärung lautet:

Wir müssen jetzt handeln, um KI so zu gestalten, dass sie menschliche Arbeit auf- und nicht entwertet und so gesteuert wird, dass sie den Wohlstand für viele steigert, nicht nur für wenige.

Dieser Aufruf ist wichtig und richtig. Denn wenn wir diese Ausrichtung der KI-Transformation nicht schaffen sollten, hat dies mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur drastische negative ökonomische Konsequenzen, sondern auch gesellschaftliche. Viele Entscheidungsträger blicken derzeit vor allem auf die kurz- und mittelfristigen Potenziale von KI. Dabei sind es gerade die großen Entwicklungslinien, die wir jetzt verstehen und aktiv gestalten müssen, um eine bahnbrechende Schlüsseltechnologie wie KI langfristig am Wohle der Menschheit ausrichten zu können. Fehlt dafür das Bewusstsein, dann werden die ungewollten negativen Konsequenzen für die Menschheit nicht erkannt und können daher nicht proaktiv verhindert werden.

Michael Spence, amerikanischer Nobelpreisträger und Unterzeichner der Erklärung, drückt es wie folgt aus:

“The scale, scope, and speed of the advances in AI, combined with a high level of uncertainty about the magnitude and timing of the impacts across many parts of the economy, call for an ‘all hands on deck’ approach to steering AI in beneficial directions.”

Vor was wird konkret gewarnt?

Konkret wird angesichts des Tempos der KI-Entwicklung davor gewarnt, dass es zu massiven Verwerfungen am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft kommen kann, weil Individuen, Organisationen und Systeme (Bildungs-, Sozialversicherungs- und Rechtssysteme) sich aktuell nicht schnell genug anpassen. Dies geht einher mit besonderen Charakteristika der rasanten KI-Entwicklung:

  • Historisch beispielloses Tempo: KI entwickelt sich weitaus schneller als jede frühere technologische Revolution. Während uns Menschen bei bisherigen Revolutionen wie der Einführung der Dampfmaschine, der Elektrizität oder dem Computer Jahrzehnte zur gesellschaftlichen Anpassung blieben, lässt KI der Menschheit dafür ein kurzes Zeitfenster von nur wenigen Jahren.
  • Wirtschaftlicher Umbruch und massiver Arbeitsplatzverlust: Die Auswirkungen auf die Wirtschaft könnten größer sein als die der Industriellen Revolution. Möglich sind massive Jobverdrängungen – insbesondere im Bereich von “Wissensarbeitern” und bei Einsteigerpositionen. Die ersten Signale hierfür sind bereits jetzt am Arbeitsmarkt deutlich zu spüren. Geht diese Entwicklung ungesteuert weiter, wird dies zu schweren sozialen Verwerfungen und wirtschaftlicher Ungleichheit führen.

Was sind die zentralen Forderungen?

Diese Entwicklung muss nicht ungebremst eintreten. Die Initiative “We must act now” fordert Entscheidungsträger aller Sektoren – also aus Politik, Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft auf – nun proaktiv die richtigen Maßnahmen einzuleiten. Gefordert wird Folgendes:

  • Frühzeitiger Aufbau von Leitplanken: Es müssen rechtzeitig institutionelle Rahmenbedingungen sowie steuerliche oder regulatorische Anreize und Leitplanken für die KI-Transformation geschaffen werden. Ein Beispiel – von vielen – hierfür ist: Wie bleiben unsere Sozialversicherungssysteme, die jetzt schon nicht mehr tragen, finanzierbar, wenn ein großer Teil der Wertschöpfung automatisiert wird und dadurch deutlich weniger Menschen in Sozialversicherungssysteme einzahlen werden?
  • Konsequente Ausrichtung von KI auf den Menschen: KI sollte grundsätzlich so entwickelt und eingesetzt werden, dass sie den Menschen ergänzt (Augmentation) und stärkt und ihn nicht flächendeckend ersetzt (Automation) – und zwar gerade nicht dort, wo Menschen Arbeit suchen.
  • Kein Warten auf Gewissheit: Da die KI-Entwicklung rasant verläuft, wird betont, dass ein Abwarten, bis die Krise eintritt, fatal wäre. („Wer auf Gewissheit wartet, kommt zu spät“). Systeme müssen frühzeitig angepasst und auf die Anforderungen der neuen Welt mit KI ausgerichtet werden.
  • Verantwortung der Tech-Konzerne und Ökonomen: Es wird davon ausgegangen, dass der Marktmechanismus allein die KI-Transformation nicht sozialverträglich regeln wird. Daher werden Anreize und Leitplanken gefordert, die eine sozialverträgliche Entwicklung und Einsatz von KI fördern. Es gilt der Grundsatz: “Show me your incentives, and I will show you the outcome.” Fehlen Anreize für eine solche Sozialverträglichkeit, ist ein gefährliches “Race to the bottom” möglich, das ein Wettrennen um den höchsten Automatisierungsgrad und damit die Entwertung menschlicher Arbeitskraft fördert.
  • Prävention statt Improvisation: Die Unterzeichner der Erklärung werden aufgefordert, jetzt – in der noch verbleibenden kurzen Zeit – neue Institutionen, Denkansätze und Test-Modelle (wie etwa Experimente zu veränderten Arbeits- und Wirtschaftsstrukturen) zu entwerfen, um die Gesellschaft bestmöglich auf eine Zukunft vorzubereiten, in der KI menschliche Arbeit im historischen Ausmaß verändert. Ich persönlich habe eine hohe intrinsische Motivation, mit meiner Arbeit zu einer positiven Entwicklung der KI-Transformation beizutragen – und individuelle und kollektives Desaster zu vermeiden.

Fazit: Vom “ohnmächtigen Co-Piloten” zum aktiven Gestalter der KI-Transformation

Ob die rasante KI-Entwicklung

  • unseren globalen Lebensstandard allgemein anheben oder zu einer starken Konzentration des Reichtums führen wird und
  • ob menschliche Arbeit auf- und nicht entwertet wird,

steht nicht von vornherein fest; es hängt davon ab, wie wir unsere politischen und wirtschaftlichen Systeme heute neu gestalten. Ich bin davon überzeugt: Wir können es uns als deutsche Gesellschaft und als Weltgemeinschaft nicht leisten, den weiteren KI-Wandel abzuwarten und uns in der Zwischenzeit auf institutionelle Rahmenbedingungen zu verlassen, die für eine Welt von gestern optimiert wurden. Das wird nicht funktionieren. Zukunft ist ein gestaltbares Terrain. Die gestaltbaren Stellhebel sollten wir nutzen. Zum Wohle von uns selbst – und unserer Kinder, denen wir eine Welt mit KI überlassen können, die wesentlich angenehmer ist als die, die wir hinter uns lassen. Oder eine Zumutung.

Genau auf dieses Thema geht auch mein neues Buch „Was bleibt vom Menschen, wenn die KI übernimmt“ ein. Es zeigt auf, was wir zu tun haben, um uns auf die größte Arbeitsmarktrevolution aller Zeiten bestmöglich vorzubereiten. Es erscheint am 27. August im Campus Verlag und ist bereits jetzt vorbestellbar.

Ich wünsche mir sehr, dass sowohl die Initiative “We must act now” als auch mein neues Buch dazu beitragen werden, dass mehr Menschen sich an der Gestaltung und Diskussion einer positiven Zukunft mit KI beteiligen werden. Denn das, was uns gerade mit der aktuellen KI-Entwicklung bevorsteht, ist eine riesige Chance und zugleich ein großes, existenzielles Risiko. Nicht-Handeln und Nicht-Wissen-Wollen sind keine klugen Alternativen.

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