Ich bilde gerade die erste Generation an “AI Natives” im Hörsaal aus, die so lernt, wie sie auch arbeiten wird: Als “AI Augmented Professionals“, die im Team mit KI ihren Arbeitsalltag organisieren, Aufgaben lösen, Entscheidungen treffen und lernen. Ich bin derzeit in meiner Sommerpause und arbeite bewusst deutlich weniger, während ich mit Hilfe meines neuen “AI Agents for Modern and Practical AI Education” dabei unterstützt werde, das neue Semester inhaltlich und didaktisch vorzubereiten. So werde ich auch im kommenden Semester mit meinen Studierenden den Einsatz und die Auswirkungen von KI-Assistenten, -Agenten, -Avataren und “Physical AI” auf menschliche Arbeiten diskutieren und testen. Wir werden uns praxisnah und mit Unterstützung führender KI-Labore ansehen, was es bedeutet, im Alltag mit SAP Joule, Gemini Enterprise, ChatGPTWork, Claude CoWork und natürlich CoPilot zu arbeiten. Denn mein Anspruch ist, meinen Absolventen bestmögliche Startbedingungen zu ermöglichen und für Unternehmen KI-kompetente Nachwuchskräfte auszubilden, die state-of-the-art in der KI-Anwendung ausgebildet sind. Ab dem Wintersemester werde ich darüber hinaus einen neuen Kurs unterrichten, der den folgenden Titel trägt: “How to become more valuable than Claude in the workplace”. Genau das ist auch das Thema dieses Newsletters.
Die Antwort, die keiner von uns hören möchte
Ich halte es für deutlich sinnvoller, sich die richtigen Fragen zu stellen, bevor wir Antworten erhalten, die keiner von uns hören möchte. Lieber stellen wir uns doch bewusst die Frage “How to become more valuable than Claude in the workplace?”, bevor wir womöglich eines Tages folgende Antwort hören: “Sie verlieren Ihren Job deswegen, weil wir ihre Tätigkeiten in gleicher Qualität automatisieren können.” (Wobei die Antwort vermutlich indirekter formuliert werden würde, etwa: “Im Zuge der Reorganisation in unserem Unternehmen und eines umfangreichen Sparprogramms wird es ihre bisherige Stelle zukünftig nicht mehr geben”…, was auf das gleiche unangehme Ergebnis hinausläuft.)
“Claude” steht nur exemplarisch für alle leistungsfähigen KI-Assistenten und Agenten wie ChatGPTWork, Google Antigravity, CoPilotCoWork oder die neuen Chief-of-Staff Agents, die derzeit Marktreife erlangen. Da diese leistungsfähigen KI-Systeme in immer mehr kognitive Tätigkeiten von uns Menschen vordringen werden, halte ich den neuen Kurs für meine Studierenden und die damit verbundene Auseinandersetzung, wie wir Menschen am Arbeitsmarkt unseren Marktwert erhalten, für unumgänglich – und wichtigen Bestandteil von “AI Upskilling“.
Das Zeitalter von “Coopetition” hat längst begonnen
Denn wer nachhaltig erfolgreich als “AI Augmented Professional” arbeiten möchte, muss einerseits die Zusammenarbeit mit KI (“Cooperation”) erlernen, aber auch bewusst positive menschliche Differenzierungskompetenz erlernen, um für den zunehmenden Wettbewerb mit KI (“Competition”) gut gewappnet zu sein. Ich denke oft, dass viele Menschen sich derzeit die falschen Fragen stellen. Statt der Frage “Wird KI meinen Job übernehmen?”, plädiere ich dafür, die Frage wie folgt zu formulieren: “Wie mache ich meinen Job bewusst so, dass KI ihn nicht in gleicher Qualität erledigen kann?“
Wo also ist der Mensch unersetzbar? Was lässt sich nicht in gleicher Qualität durch Technologie automatisieren? Das ist bei Tätigkeiten und Interaktionen der Fall, wo es um echte und qualitativ sehr gute menschliche Beziehungen geht. Die US-Soziologin Allison Pugh hat dafür den Begriff „connective labor“ geprägt. Sie argumentiert, dass das Wertvollste, was Menschen bei der Arbeit leisten, die Verbindung ist, die dabei zwischenmenschlich entsteht. Wertschätzung und Warmherzigkeit lassen sich schwer automatisieren. Wohlwollen und werteorientiertes Denken und Handeln – gerade dann, wenn es unlogisch erscheint – auch nicht. Die eigentliche Bedrohung unseres menschlichen Alleinstellungsmerkmals kommt daher nicht von der KI. Sondern von den Menschen selbst, die sich für unersetzlich halten und denen nicht bewusst ist, welchen Wert und differenzierende Kraft aufrichtige Menschlichkeit in der Arbeitswelt hat.
Ich stand neulich bei einem großen Supermarkt an der Kasse. Es war “Rush Hour” und die Schlange wurde ungewöhnlich lang. Kunden fragten daher die Kassiererin, ob sie eine neue Kasse aufmachen könnte. Die Kassiererin drückte die Taste ihres Mikrofons und sagte folgenden Satz: “Kann jemand eine neue Kasse aufmachen? Aber macht gerne langsam, die Kunden nerven, die sollen ruhig warten!“. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, mehrere Stunden am Tag an einer Kasse zu sitzen. Ich weiß nicht, wie oft Kunden unangenehm werden. Ich weiß auch nicht, wie es sich anfühlt, von dem Gehalt einer Kassiererin in München leben zu müssen. Aber ich weiß ganz sicher, dass Technologie schon heute den Job einer Kassiererin machen kann.
Ich persönlich bin davon überzeugt: Menschen sind nicht deswegen unersetzlich, weil sie Tätigkeiten effizienter erledigen als die Maschine, sondern, weil sie etwas können, das gerade jetzt in Zeiten von Unsicherheit, Krise und Wandel wichtiger denn je ist: empathisch mit sich selbst und anderen sein, freundlich sein, Mitgefühl haben, sich und anderen Halt, Trost und Orientierung geben, Vertrauen schenken und nähren, Verantwortung übernehmen, verlässlich sein in einer unzuverlässigen Welt – und vor allem richtig gute Menschen zu sein, die miteinander fühlen, lachen und lebenswerte Momente teilen.
Unser Arbeitsmarktwert hängt immer weniger von unserem Wissen ab, sondern von der Fähigkeit, menschliche Bedürfnisse zu erfüllen
Die Spielregeln des Arbeitsmarkts verändern sich gerade rasant. Wissen, für das wir früher jahrelang ausgebildet worden sind, kann nun von KI bereitgestellt und zielgruppengerecht aufbereitet werden. Damit verliert reines Wissen an Wert. Tätigkeiten, für die wir früher lange angelernt werden mussten, können von “Physical AI” und “GenAI” ausgeführt werden. Wofür genau werden wir dann zukünftig bezahlt werden, wenn Technologie immer leistungsfähiger wird?
Es gibt sechs kulturübergreifende Bedürfnisse von uns Menschen. Diese sind:
- To be seen.
- To be understood.
- To be needed/ wanted.
- To be touched.
- To be able to trust and be trusted.
- To be missed when gone.
Unsere (Arbeits-)Welt verändert sich, jedoch nicht unsere menschlichen Bedürfnisse. Wir sind und bleiben soziale Wesen mit sozialen Bedürfnissen. Oder anders ausgedrückt: “Our brains and bodies keep on running on ancient software.”
Wir werden daher eine Renaissance dessen erleben, was es bedeutet, ein warmherziger Mensch zu sein, der Freude daran hat, diese Menschlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Ich bin davon überzeugt:
- Das Schönste, was zwei Füße machen können, ist tanzen.
- Das Schönste, was unsere Herzen und Hände machen können, ist, einander zu berühren.
- Das Schönste, was wir mit Sprache ausdrücken können, sind Worte der Wertschätzung und des Wohlwollens, denen wir warme und werteorientierte Taten folgen lassen.
Fazit: Es geht nicht nur um eine neue Arbeitswelt, sondern um ein neues Verständnis von menschlicher Leistung.
Das große Automatisierungspotenzial von KI in der Arbeitswelt sollte nicht nur in Effizienz und Präzision gesehen werden, sondern in der Reallokation menschlicher Kapazitäten für mehr “magic moments“, also besondere Momente, die in dieser Qualität nur zwischen Menschen stattfinden können, die soziale Beziehungen stärken und positiv in Erinnerung bleiben. Die zuvor angesprochenen vier “Ws” (Warmherzigkeit, Wertschätzung, Wohlwollen, werteorientiertes Handeln) sind die wundervollste Kraft der Menschheit. Sie sollten in Unternehmen wichtigen Messgrößen wie Produktivität und Innovationskraft nicht untergestellt, sondern gleichberechtigt gewertet werden. Auch ausgeprägte Menschlichkeit kann wesentliches Element eines erfolgreichen Geschäftsmodells sein.
Meinen Studierenden ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung dieser vier “Ws” mitzugeben, mit ihnen zu diskutieren, was sie im Arbeitsalltag und gesellschaftlichem Miteinander bedeuten und warum dies keine “weichen Faktoren” sind, sondern eine “harte Währung” zum Erhalt der eigenen Beschäftigungsfähigkeit, wird ebenso im Mittelpunkt meiner Lehre stehen, wie “the next hot AI shit”, das wir testen und anwenden werden.
Wer mehr zum Thema ““How to become more valuable than Claude in the workplace?” erfahren möchte, dem empfehle ich den Deep Dive hierzu in meinem neuen Buch “Was bleibt vom Menschen, wenn die KI übernimmt“, das kommende Woche am 27. August erscheinen wird.
Happy Reading und herzliche Grüße
Eure
Yasmin Weiß