Es gibt viele Wege, die Zukunft zu verbaseln. Ein probater Weg ist, neuralgische Führungspositionen in Politik und Wirtschaft mit ungeeigneten Menschen zu besetzen. Mich hat vor dem Hintergrund vergangene Woche bewegt, als ich las, dass sich in Deutschland nur noch 14 % der Beschäftigten, die derzeit ohne Führungsaufgabe sind, vorstellen können, später einmal eine Führungsrolle einzunehmen. Und das in einer Zeit, in der Top-Leute auf Führungspositionen wichtiger sind denn je – und zwar in allen Sektoren. Deutschland braucht gerade jetzt eine prall gefüllte Talent-Pipeline an Menschen, die sich für anspruchsvolle Führungsaufgaben interessieren, um hieraus die am besten Geeigneten auszuwählen. Dieser Trend der “Führungsmüdigkeit” deckt sich mit den Gesprächen mit meinen Studierenden, der “Next Gen”, von denen mir viele sagen, dass sie später keine Führungsrolle anstreben – zu anspruchsvoll, zu anstrengend, zu komplex, zu wenig vereinbar mit privaten Zielen, zu wenige Vorbilder, die zeigen, wie anspruchsvolle Führung “cool” sein kann – so die Argumentation.
Dieser kritische Blick der Nachwuchsgeneration auf Führungsverantwortung wird von dem Phänomen des “Quiet Crackings” verstärkt, ein Trend, der das “leise und langsame Zerbrechen” von Führungskräften beschreibt, die unter Dauerstress, Schlafmangel und zu wenig Ausgleich ihre physische und psychische Gesundheit gefährden. Es ist in der Tat sehr herausfordernd, was Führungskräfte derzeit leisten müssen: Das Managen der Gegenwart bei gleichzeitiger Gestaltung der Zukunft.
Doch immer dann, wenn sich viel verändert, wird auch vieles möglich. Ich arbeite seit etwa 9 Monaten mit meiner persönlichen “Agent Workforce“, die ich stets erweitere, und bin überzeugt:
KI ist nicht nur “Treiber” für neue Anforderungen an Führung, sondern auch “Enabler” für angenehmere, effektivere Führung.
Daher ist diese Newsletterausgabe den neuen Chancen von “AI Augmented Leadership” gewidmet.
Was “AI Augmented Leadership” bedeutet
Im Frühling diesen Jahres hörte ich aufmerksam Satya Nadella, dem CEO von Microsoft, zu, der mir Einblicke gab, wie er seinen Führungsalltag als “AI Augmented CEO” organisiert. Drei Elemente seines Führungsalltags hob er hervor:
- Er sagte, dass seine neue Inbox, die er morgens vor seiner Email-Inbox aufmacht, seine “Mobile Agent Platform” sei, auf der er die Ergebnisse überprüft, die ihm seine KI-Agenten über Nacht aufbereitet haben.
- Er setzt in seiner analytischen Führungsarbeit konsequent auf “Data-Driven Support“, in dem seine Research- und Analyst-Agents ihn dabei unterstützen, die an ihn gerichteten Reports und Präsentationen zu analysieren und ihn bei seiner Meinungsbildung und seinen Entscheidungen zu unterstützen.
- Mit Co-Pilot und CoWork (in Co-Pilot integrierten KI-Agenten) hat er einen “Personal Data Analyst” an seiner Seite, der ihm permanent zur Seite steht und unternehmensweite Daten auswertet und mit externen Analysen verknüpft.
“AI Augmented Leadership” – also die Nutzung von KI in der Führungsarbeit – hat zwei Dimensionen:
- Erhöhung der Effektivität von Führung (Verbesserung der Führungsleistung), z.B. durch bessere Entscheidungen und besseren Über- und Weitblick , was innerhalb und außerhalb des Unternehmens passiert.
- Entlastung von Führungskräften (Verbesserung der Arbeitszufriedenheit & Reallokation zeitlicher Ressourcen), z.B. durch Entlastung bei der Informationssuche und bei administrativen, lästigen Aufgaben. Dies spart Zeit und Nerven.
“AI-Augmented-Leadership” erweitert Führungsfähigkeiten durch Skill-Augmentation und entlastet Führungskräfte durch Task-Automation. Durch Letzteres kann Führungskräften mehr Raum gegeben werden, für das, was für exzellente Führungsarbeit benötigt wird: Zeit und Aufmerksamkeit. Zeitliche Kapazitäten von Führungskräften werden sich daher im Zuge der KI-Transformation von Managementaufgaben hin zu Leadershipaufgaben verschieben.
Task-Automation: Was an Managementaufgaben automatisierbar ist
Hier eine Übersicht, welche Managementaufgaben grundsätzlich gut automatisierbar sind:
1. Informationsbeschaffung und Lagebilder erstellen: KI-Agenten können Marktinformationen, interne Kennzahlen, Projektstände, Kundenfeedback, Risiken und Trends kontinuierlich sammeln, verdichten und aufbereiten.
2. Meeting-Management: Agenda-Vorschläge, Vorab-Briefings, Protokolle, Aufgabenverteilung, Follow-ups und Entscheidungsdokumentation sind hoch automatisierbar.
3. Reporting und Performance-Monitoring: Statusberichte, KPI-Dashboards, Abweichungsanalysen, Forecasts und Frühwarnsignale können von Agenten erstellt oder vorbereitet werden.
4. Ressourcen- und Kapazitätsplanung: Agenten können Verfügbarkeiten, Skill-Matches, Deadlines, Prioritäten und Engpässe analysieren und Vorschläge für die Arbeitsverteilung machen.
5. Standardisierte Kommunikation: Updates, Erinnerungen, Zusammenfassungen, Projektkommunikation, Stakeholder-Briefings und FAQ-Antworten lassen sich teilweise automatisieren.
6. Entscheidungsunterstützung: KI kann Optionen, Szenarien, Risiken, Gegenargumente, Benchmarks und Entscheidungsvorlagen liefern. Sie kann Entscheidungen vorbereiten, aber nicht die Verantwortung übernehmen.
7. Prozessoptimierung: Agenten können ineffiziente Abläufe erkennen, Automatisierungspotenziale identifizieren und Workflows neu strukturieren. (Gerade hier wird deutlich, dass es bei der KI-Transformation von Arbeitsprozessen nicht nur um die Integration von KI in bestehende Prozesse, sondern um die Neustrukturierung von Arbeit als Zusammenspiel von Menschen, Agenten und Systemen geht.)
Diese Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. In Summe lässt sich sagen: Alles, was planbar, messbar, standardisierbar und wiederholbar ist, hat ausgeprägtes Automatisierungs- und damit Entlastungspotenzial für Führungskräfte.
Das schwer automatisierbare: Leadership
Werfen wir einen Blick darauf, was schwer durch KI zu automatisieren ist. Diese 10 Aspekte zeichnen exzellente “People Leader” aus und lassen sich schwer in gleicher Qualität durch Technologie erledigen – schon gar nicht in der Kombination:
- “Building Trust”: Vertrauen aufbauen
- “Reading the Room”: Das Unausgesprochene intuitiv erfassen
- “Serving as a role model”: Identifikation stiften & als Vorbild agieren
- “Conducting hard conversation”: Schwierige Gespräche empathisch führen
- “Creating a meaningful vision”: Visionen entwickeln, die im Kopf verstanden und mit dem Herzen gekauft werden
- “Shaping Values”: Zentrale Werte in der U-Kultur durch konsistentes Handeln verankern und vorleben
- “Solving Conflicts”: Zwischenmenschliche Konflikte mit Fingerspitzengefühl lösen
- “Building loyalty”: Menschen so führen, dass sie “Fans” vom Unternehmen sind, nicht bezahlte Söldner
- “Taking Responsibility”: Verantwortung übernehmen für Strategie, Prozess und Endergebnis, inklusive ethische Verantwortung
- “Showing Kindness”: Anderen Menschen Warmherzigkeit und Wertschätzung entgegenbringen, gerade dann, wenn sie es am meisten brauchen.
Die Kunst von “AI Augmented Leadership” liegt darin, das gut Automatisierbare an KI zu delegieren und das Nicht-Automatisierbare durch freigespielte Zeit und Aufmerksamkeit weiter zu stärken.
Fazit: Das große Potenzial von AI-Augmented Leadership
Ich persönlich sehe in “AI Augmented Leadership” drei wesentliche Chancen:
- Führung wird attraktiver, weil mehr Fokus auf das gelegt werden kann, was den eigentlichen “Purpose” von Führung ausmacht.
- Führung wird vereinbarer mit privaten Rollen, weil Führungskräfte zeitlich entlastet werden.
- Führung wird menschlicher, weil mehr Zeit für “Zwischenmenschliches” und “Wertschätzendes” geschaffen wird.
Bis zum Jahr 2030 werden alle Spitzenkräfte als “AI Augmented Professionals” arbeiten und Spitzenführungskräfte als “AI Augmented Leaders“. Die eigentliche Transformationsreise von Führung ist aber viel grundlegender: Es geht darum, Führung wieder attraktiv zu machen, um die klugen, die warmherzigen, die “purpose-driven” Menschen für Führung zu gewinnen. Davon würden wir alle profitieren.
Wer mehr über die neuen Chancen von “AI Augmented Leadership” erfahren möchte mit konkreten Ansatzpunkten, wie man “AI Augmented Skills” entwickelt, findet mehr Inhalte hierzu in meinem neuen Buch “Was bleibt vom Menschen, wenn die KI übernimmt“. Das Buch erscheint am 27. August. Wer pünktlich zum Erscheinungstermin ein handsigniertes Exemplar in der Post haben möchte, kann unter folgendem Link vorbestellen:
www.autorenwelt.de/yasminweiss
Herzlich
Eure
Yasmin Weiß