Letzte Woche stieg ich in den Flieger nach Dubai – Strand und Sonne genießen, Inspirationen sammeln an einem der aufstrebendsten globalen KI-Hochburgen und vor allem viel Zeit für exzellente Gespräche haben mit den Menschen, die mir viel bedeuten. Je mehr ich KI-basiert kommuniziere, desto aufmerksamer werde ich für die verbale und non-verbale Kommunikation, die nicht automatisierbar ist. Aktuelle Entwicklungen im Bereich KI führen zu einem Bedeutungsanstieg exzellenter und tiefer zwischenmenschlicher Kommunikation, während sich emotional-oberflächliche Kommunikation und reiner Informationsaustausch immer besser automatisieren lassen. Daher ist die aktuelle Newsletterausgabe der Frage gewidmet, was “exzellente Kommunikation” im KI-Zeitalter genau bedeutet und warum ausgerechnet eine “uralte” Fähigkeit von uns Menschen zu einer der wichtigsten Future Skills zählt. Und warum wir gerade jetzt nicht verlernen dürfen, exzellent miteinander zu kommunizieren, wenn Bots anfangen, mit Bots zu kommunizieren und rhetorische Exzellenz durch KI zur Standardware wird.
Paradoxer Moment in unserer menschlichen Kommunikation
Wir stehen vor einem paradoxen Moment in der menschlichen Kommunikation: Technologie vereinfacht unsere Kommunikation spürbar und erschwert sie zugleich erheblich. Hier ein paar konkrete Beispiele, die wir vermutlich alle kennen:
- Wir können von überall miteinander kommunizieren und verpassen oftmals wertvolle Momente der Kontaktaufnahme mit anderen Menschen, weil wir im Alltag oft unsichtbare Kopfhörer in unseren Ohren tragen oder auf Screens starren.
- Wir können dank digital-vernetzter Welt, Social Media und automatisierten Übersetzungen mit allen Menschen weltweit in Wort und Bild kommunizieren und verpassen viel zu oft, wie es dem Menschen in der analogen Welt geht, der unmittelbar vor uns sitzt.
- Noch nie war es so einfach, brillant und fehlerfrei zu formulieren. Emails, Anschreiben, Bewerbungsunterlagen sowie Reden für betriebliche und private Anlässe lassen wir uns eloquent von KI formulieren. Und noch nie war brillante Formulierung so wenig wert und austauschbar, wenn sie nicht menschlich veredelt wird.
Im KI-Zeitalter verändert sich also der Wert menschlicher Kommunikation deutlich: Nicht Effizienz, nicht sprachliche Perfektion und nicht Informationsdichte sind das Differenzierungsmerkmal von exzellent kommunizierenden Menschen – sondern Tiefe, Emotion, Zugewandtheit, Empathie, Interesse und Beziehungspflege. Genau so sollten wir “exzellente Kommunikation” von Menschen neu definieren. Denn wenn herausragende Kommunikation nur aus brillant formulierten Sätzen, fehlerfreien Texten und dem Austausch von Information bestünde – wäre menschliche Kommunikation sehr gut ersetzbar. Kommunikation allerdings ist so viel mehr als reine Informationsübertragung. Kommunikation ist vor allem Beziehungsarbeit und die Fähigkeit, beziehungsförderliche Gefühle wie Wertschätzung, Vertrauen, Wohlwollen und Warmherzigkeit zu vermitteln. Genau dort endet die Leistungsfähigkeit von KI und menschliches Differenzierungspotenzial in der Kommunikation beginnt.
Ein vordergründig “lustiges” Experiment mit ernsten Erkenntnissen
In meinem Seminar zu den wichtigsten “Future Skills in the Age of AI” habe ich mit meinen Studierenden die folgende Übung gemacht, die zunächst für “Belustigung” und dann zu ernsthafter Reflexion geführt hat. Ich habe die Studierenden in zwei Gruppen eingeteilt, wo sie “Kommunikationspaare” aus jeweils zwei Studierenden gebildet haben. An das White Board haben wir eine “Kommunikationsqualitäts-Skala” von 1-10 aufgemalt: Der Wert “1” auf der Skala bedeutet “Schlechte Kommunikation, die zu keinem Beziehungsaufbau führt”, während der Wert “10” für “Exzellente Kommunikation, die die Sehnsucht nach weiteren Gesprächen nährt” steht. Die eine Gruppe bekam die Aufgabe, sich mit ihrem Kommunikationspartner in den 30-minütigen-Gesprächen bewusst so zu verhalten, dass der Wert “1” erzielt wird, während die Kommunikationspaare der anderen Gruppe versuchen sollten, bei ihrem Kommunikationspartner die Wahrnehmung des Werts “10” zu erzielen. Die Studierenden konnten selber bestimmen, wie sie sich während des Gesprächs mit ihrem Kommunikationspartner verhalten, was die Inhalte des Gesprächs sind und was die verbalen und non-verbalen Kommunikationsmuster sind, die zum Erreichen des angestrebten Wertes führen. Nach den Gesprächen kamen die Kommunikationspaare innerhalb der jeweiligen Gruppen zusammen und tauschten sich über die gemeinsamen Merkmale ihrer Gespräche aus. Die Studierenden kamen dabei im Wesentlichen zu den folgenden Erkenntnissen:
- “Schlechte Kommunikation, die zu keinem Beziehungsaufbau führt“: Die Studierenden, die dieses Ziel gesetzt bekommen haben, taten bewusst etwas, was sehr viele Menschen im Alltag unbewusst machen: Sie griffen während des Gesprächs mehrmals nach ihrem Smartphone, entzogen ihrem Gesprächspartner in dieser Zeit Aufmerksamkeit und Augenkontakt, ließen danach ihr Smartphone in Sicht- und Griffweite auf dem Tisch liegen, schauten bei jeder “Notification” erneut nach, sprachen viel von sich selbst und vermieden es weitgehend, ihrem Gegenüber Fragen zu stellen und Interesse zu demonstrieren. Sie stellten keine persönlichen Fragen, keine Follow-Up-Fragen und hielten längere Monologe über das, was ihnen wichtig war.
- “Exzellente Kommunikation, die die Sehnsucht nach weiteren Gesprächen nährt“: Die Studierenden aus dieser Gruppe ließen ihre Smartphones in ihren Taschen, sie spielten während des Gesprächs keine Rolle. Sie bemühten sich nicht nur um Augenkontakt, sondern auch um gelegentliche Berührungen des Gegenübers. Sie spiegelten die Emotionen und Körpersprache ihres Gesprächspartners, um ihr aufrichtiges Interesse zu signalisieren. Sie sprachen ihren Gesprächspartner oft mit dem Namen an, bemühten sich um Dialog statt langen Monologphasen, stellten empathische Rückfragen und kombinierten den thematischen Austausch mit persönlichem Interesse am Kennenlernen ihres Gegenübers. Sie suchten im Gespräch nach Gemeinsamkeiten und erzählten Persönliches und gaben Einblicke in ihre Gefühlwelt, die nach außen nicht immer sichtbar ist.
Diese Übungen zeigte Folgendes: Im digital-vernetzten Alltag schleichen sich oft Verhaltensmuster ein, die der Qualität von exzellenter menschlicher Kommunikation entgegenstehen. Die Studierenden zeigten sich selbst überrascht davon, dass ihre Verhaltensweisen, die sie bewusst eingenommen haben, um bewusst “schlecht” zu kommunizieren, in vielen Fällen deckungsgleich waren mit unbewussten Verhaltensmustern aus ihrem Alltag. Gleichzeitig wurde auch deutlich, dass wir dieser Entwicklung nicht zwingend ausgesetzt sind, sondern Vieles selber in der Hand haben, um exzellent zu kommunizieren.
Wie sich exzellente Kommunikation trainieren lässt
Um exzellent zu kommunizieren, müssen wir uns eigentlich nur auf das besinnen, wie Menschen kommuniziert haben, bevor Technologie mit all ihren Ablenkungspotentialen so omnipräsent geworden ist wie jetzt. Das bedeutet konkret:
- Volle Aufmerksamkeit auf das Gegenüber statt Multitasking
- Echtes Zuhören statt Antworten geben
- Augenkontakt statt Scrolling
- Authentizität statt Show
- Empathie statt Sendemodus
- Individuelle Kommunikation statt Standardphrasen
- Kommunikation mit “allen Sinnen” statt reiner Informationsaustausch durch verbale Sprache.
Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Die zentrale Botschaft ist: In einer Welt perfekter Sätze wird spürbare Menschlichkeit zum Differenzierungsmerkmal.
Fazit: Menschliche Kommunikation wird nicht obsolet, muss aber bewusster erfolgen
Generative KI verschiebt den Referenzpunkt professioneller Kommunikation. Sprachliche Qualität, Struktur und Geschwindigkeit werden zunehmend automatisierbar. Damit verlieren genau jene Kompetenzen an Differenzierungswirkung, die lange als Kern professioneller Kommunikation galten. Im KI-Zeitalter wird menschliche Kommunikation aber nicht obsolet. Sie wird anspruchsvoller. Nicht sprachliche Brillanz entscheidet. Es kommt auf Präsenz, Resonanz, Zugewandtheit, Aufmerksamkeit, Empathie, Emotion und vor allem echtes Interesse an. Die eigentliche Kunst ist also nicht, besser zu formulieren als eine Maschine. Sondern menschlicher zu kommunizieren als jede Maschine es je kann.
Herzliche
Eure Yasmin Weiß