Mit KI-Agenten (Agentic AI) bahnt sich eine Revolution an – nicht in ferner Zukunft, sondern hier und jetzt. Ich arbeite seit einigen Wochen im Team mit individuell auf mich zugeschnittenen KI-Agenten. Ich lasse sie weiterarbeiten, wenn ich vormittags zum Sport gehe oder meine Kinder von Kindergarten und Schule abhole. Sie recherchieren, analysieren und formulieren und geben mit die Möglichkeit, private und berufliche Rollen besser denn je miteinander zu vereinbaren und ein neues Level an „Hyperproduktivität“ im Alltag zu realisieren. Neben individuellen Produktivitätsgewinnen haben KI-Agenten, die funktionsübergreifend in Unternehmen eingesetzt werden, das Potenzial, die Geschwindigkeit, den Ressourceneinsatz und damit die Kostenstruktur von Unternehmen grundlegend zu verändern.

Viele reden zwar über Agentic AI, wenige verstehen es wirklich. Noch sind weite Teile der Berufstätigen auf einem persönlichen Kenntnis- und Anwendungsstand von KI, dass sie Chatbots wie ChatGPT, Gemini oder Claude wie ein “fancy Google” und damit als “Suchmaschine mit erweiterten Funktionen” nutzen. Sie spielen damit etwas herum, sind aber weit davon entfernt, aus dem “funny use of AI” einen “transformational use of AI” zu machen, indem sie KI als leistungsstarken Kollegen im Arbeitsalltag nutzen und ihre bisherigen Arbeitsweisen transformieren. Noch bevor also viele Menschen verstanden haben, wie sie mit bisherigen KI-Systemen und -Tools schneller und besser arbeiten können, ist mit Agentic AI nun die nächste Stufe der KI-Transformation gezündet worden. Dieser Newsletter ist daher der Frage gewidmet, was KI-Agenten genau sind und wie sich dadurch Arbeitsabläufe, Organisationsmodelle und Führung schon in naher Zukunft verändern werden.

Die Ära der KI-Agenten: Die größte Revolution der Arbeitswelt steht bevor

Nach der Einführung von generativen KI-Systemen vor etwa drei Jahren, die auf menschliche Anweisungen reagieren, steht nun mit Agentic AI eine weitaus tiefgreifendere Transformation der Arbeitswelt bevor. Diese neue Technologie führt eine neue Form von autonom agierenden “virtuellen Mitarbeitern” in Unternehmen ein, die als eine “neue Spezies” an Arbeitskraft gewertet werden kann. Metaphorisch können wir uns einen neu entdeckten “zusätzlichen Kontinent” am globalen Arbeitsmarkt vorstellen, der hochqualifiziertes, fleißiges, sehr lernfähiges, nicht ermüdendes (und kein Gehalt mit Sozialleistungen beziehendes) Arbeitskräftepotenzial zur Verfügung stellt, das einerseits als Partner humaner Belegschaften, andererseits aber auch als Konkurrenz mit ausgeprägtem Verdrängungspotenzial auf den Arbeitsmarkt kommt.

Die Zukunft unserer Arbeitswelt wird in doppelter Hinsicht “hybrid” sein.

  • Physische und “remote”-Arbeit werden auch weiterhin unseren Arbeitsalltag prägen.
  • Belegschaften werden zunehmend “hybrid” und bestehen aus humanen und virtuellen Mitarbeitern.

Noch taucht „Agentic AI“ und seine konkreten Implikationen auf unsere hybride Arbeitswelt in kaum einer Personalstrategie von Unternehmen mit konkreten Einsatzbereichen, Aufgabengebieten und ausgearbeiteter Aufgabenverteilung zwischen Mensch und Maschine auf. Aber wie einst Internet, Cloud oder Mobile werden agentische KI-Systeme bereits in wenigen Jahren unverzichtbar und selbstverständlicher Bestandteil unserer Geschäftsmodelle, Arbeitsabläufe und unseres Arbeitsalltags sein. Daher macht es Sinn, sich heute schon mit Agentic AI und ihren Auswirkungen zu befassen.

Was sind KI-Agenten genau?

KI-Agenten unterscheiden sich signifikant von bisherigen KI-Assistenten wie beispielsweise Chatbots oder Co-Pilots. Im Kern liegt der Unterschied in ihrer Autonomie und Proaktivität:

  • Bisherige KI-Assistenten sind reaktive Systeme: Sie warten auf eine menschliche Anweisung (“Prompt”) und generieren dann auf Basis von Mustern aus ihren Trainingsdaten eine multimodale Antwort, also Text, Code, Bild oder Video. Ihre Arbeit endet mit der Generierung des Inhalts; sie ergreifen keine weiteren Maßnahmen ohne erneute Anweisung durch den Menschen.
  • KI-Agenten hingegen sind proaktive, autonome Systeme. Sie erhalten von einem Menschen eine Zielvorgabe, können dieses Ziel aber selbstständig in kleinere, handhabbare Aufgaben zerlegen, einen Plan entwickeln und diesen ausführen, um das Ziel zu erreichen.

Dafür agieren KI-Agenten in einem kontinuierlichen Zyklus:

  1. Wahrnehmen (Perceive): Sie erfassen Informationen aus ihrer Umgebung, sei es durch das Auslesen von freigegebenen Kalendern, Dokumenten, Datenbanken oder die Interaktion mit anderen Systemen via API-Schnittstellen (Application Programming Interface) .
  2. Schlussfolgern & Planen (Reason): Mithilfe von fortschrittlichen Sprachmodellen (LLMs) als “Reasoning Engine” analysieren KI-Agenten die Situation, treffen Entscheidungen und erstellen einen mehrstufigen Handlungsplan.
  3. Handeln (Act): Sie führen die geplanten Aktionen selbstständig aus, indem sie auf Werkzeuge, Software, Datenbanken sowie das Internet (bspw. Buchungs- und Einkaufsplattformen) zugreifen.
  4. Lernen (Learn): Sie behalten den Kontext über längere Zeiträume (Gedächtnis), lernen aus den Ergebnissen ihrer Handlungen und dem Feedback durch den Menschen und passen ihre zukünftigen Entscheidungen daran an.

Ein KI-Agent kann also nicht nur wie ein bisheriger KI-Assistent einen Flug vorschlagen und eine Reiseplanung erstellen, sondern die gesamte Buchung von Flug und Hotel bis zur Tischreservierung eigenständig durchführen, ohne dass jeder Einzelschritt vom Menschen vorgegeben werden muss.

Auswirkungen von Agentic AI auf unsere zukünftige Arbeitswelt

Durch ihre Proaktivität und Autonomie sowie ihre Einsetzbarkeit in vielen Unternehmensfunktionen sind die Auswirkungen von Agentic AI fundamental und weitreichend: Während durch die industrielle Revolution die Bedeutung menschlicher Muskelkraft disruptiert wurde, ziehen agentische KI-Systeme die Disruption menschlicher Intelligenz nach sich. Das heißt nicht, dass humane Intelligenz nicht mehr benötigt wird – im Gegenteil: Die Anforderungen an unsere Lern- und Anpassungsfähigkeiten steigen und neue Anforderungen an unsere humane Intelligenz entstehen. Wir werden gefordert sein, nicht nur mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt mitzuhalten, sondern diese proaktiv zu entwickeln. Welche großen Veränderungstrends durch Agentic AI zeichnen sich ab?

  • Jobverlust und -wandel: Tätigkeiten, insbesondere im Bereich Assistenz, Planung, Dateneingabe, Qualitätssicherung, Buchhaltung, Einkauf und Kundenservice, werden in den nächsten Jahren durch KI Agenten die nächste Stufe der Automatisierung erfahren.
  • Upskilling” wird durch “Reskilling” ergänzt: Während heute der Fokus auf das “Upskilling in AI” der Belegschaften liegt, werden in naher Zukunft signifikante Teile der Belegschaft durch “Reskilling” für neue Aufgabengebiete umgeschult werden müssen, weil es ihre bisherigen Rollen im Unternehmen nicht mehr geben wird.
  • Die “High-Velocity-Wirtschaft” wird zu “High-Volatility-Careers” führen: Berufliche Verläufe werden schwerer planbar sein, sondern zunehmend von Brüchen, Weiterbildungspausen und mehreren beruflichen Identitäten entlang einer Erwerbsbiographie geprägt sein. “High-Volatility Careers” besitzen kurze Rollenzyklen von 10 bis 36 Monaten, bevor eine neue Rolle eingenommen wird. Mosaik-Laufbahnen, die aus vielen unterschiedlichen Bausteinen bestehen, lösen lineare Verlaufsmuster von Karrieren ab.
  • Reduktion der Nachfrage nach humanen Arbeitskräften: Langfristig werden weniger Menschen für die gleiche Arbeit benötigt, die verbleibenden benötigen jedoch höhere Qualifikationen. Wenn Arbeitgeber die Anzahl ihrer humanen Arbeitskräfte erhalten möchten, muss der Fokus auf Wachstum, Ausbau zusätzlicher Geschäftsmodelle und mehr Qualität durch Reallokation menschlichere Ressourcen liegen.
  • Entstehung von “Zero-FTE-Abteilungen”: Denkbar ist in Zukunft, dass ganze Funktionen von Agenten ausgeführt und von wenigen Menschen über Zieleingabe gesteuert und überwacht werden.

Veränderungen für Arbeitsabläufe, Organisation und Führung: Alle Zeichen stehen auf Neugestaltung

Agentic AI erzwingt eine grundlegende Neugestaltung der Arbeit in Unternehmen.

  • Arbeitsabläufe: Der Fokus verschiebt sich von der Automatisierung einzelner Aufgaben zur Neuerfindung ganzer End-to-End-Prozesse, bei denen KI-Agenten eine wesentliche Rolle spielen und es zu einer neuen und dynamischen Aufgabenverteilung zwischen Mensch und Maschine kommt. Ein Prozess sollte nicht mehr einfach nur digitalisiert, sondern von Grund auf neu gedacht werden, um die parallelen und autonomen Fähigkeiten von Agenten optimal zu nutzen.
  • Organisationsstrukturen: Starre Abteilungsgrenzen lösen sich zugunsten von flexiblen, ergebnisorientierten “Agent Teams” auf, die sich dynamisch für die Erreichung eines Ziels formieren. Es könnten Minimum Viable Organizations (MVOs) entstehen, in denen Schwärme von Agenten weite Teile der Arbeit erledigen.
  • Führung: Führungskräfte müssen den Wandel von der reinen Führung von Menschen zur Orchestrierung von Mensch-Maschine-Teams vollziehen. Das erfordert ein tiefes Verständnis für die Technologie und die Fähigkeit, eine klare Vision für die KI-gestützte Organisation zu entwickeln. Neue Rollen wie der Agent Orchestrator werden notwendig, um die KI-Strategie zu steuern und die Zusammenarbeit der Agenten mit den Menschen zu koordinieren.

Vorbereitung auf die Arbeitswelt mit Agentic AI: Wie arbeiten wir in 2030?

Die Vorbereitung auf diese neue Ära der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine erfordert ein proaktives Umdenken bei Mitarbeitern und Führungskräften gleichermaßen und die Bereitschaft, jene Fähigkeiten zu stärken, die für das Zeitalter von Agentic AI benötigt werden. Der zentrale Wandel liegt in der Verschiebung menschlicher Tätigkeit von der Ausführung hin zur Definition, Orchestrierung und Validierung.

Keiner von uns hat eine Glaskugel, wie die Arbeitswelt genau aussehen wird. Aber folgendes gilt als gesichert:

Der beste Weg, sich in die Arbeitswelt der Zukunft zu verlieben ist, sie proaktiv zu gestalten.

Ich hoffe, diese Einordnung agentischer KI-Systeme und ihre Auswirkungen auf unsere Arbeitswelt der Zukunft war hilfreich, um die tiefgreifenden Auswirkungen von Agentic AI auf unsere Arbeit besser zu verstehen.

Wenn Ihr die ausführliche Version dieser Newsletterausgabe lesen wollt, in der ich die konkreten Anforderungen an Mitarbeiter und Führungskräfte für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit KI-Agenten beleuchte (Future Skills in the age of agentic AI), könnt Ihr dies auf der Plattform Substack tun. Dort erhaltet Ihr auch Zugang zu dem von mir kuratierten und laufend aktualisierten KI-basierten „Talking Textbook“ mit dem Titel „What you need to know about AI Agents„, mit dem Ihr chatten und Eure individuellen Fragen stellen könnt. Zur Langversion meines Newsletter auf Substack gelangt Ihr hier:

https://open.substack.com/pub/yasminweiss/p/wie-ki-agenten-unsere-arbeitswelt?r=4e6ub6&utm_campaign=post&utm_medium=web&showWelcomeOnShare=true

Ich hoffe, viele von Euch auf Substack wiederzutreffen, der internationalen Publikations- und Contentplattform, auf der tiefergehendes Wissen geteilt wird.

Herzlich

Eure

Yasmin Weiß