Ich bin seit 14 Jahren Professorin. In den letzten 14 Wochen (!) hat sich in meinem Job mehr verändert als in den 14 Jahren (!) zuvor. Mithilfe von KI kann ich substantiell effektiver wissenschaftlich arbeiten, schneller publizieren, effizienter Wissensmanagement betreiben, reichweitenstärker und multilingualer veröffentlichen, spannender lehren und individualisierteres Lernen für meine Studierenden ermöglichen. (Und viele lästige, zeitraubende Tätigkeiten an nicht ermüdende, auch Sonntags arbeitende und niemals meckernde KI-Assistenten abgeben).

„Bringen Sie frischen Wind in die Hör- und Konferenzsäle“, war der Satz, der mir bei meiner Ernennung als Professorin damals gesagt wurde. Das mag der offensichtliche Gedanke sein, wenn man jungen Menschen den Ruf als Professor erteilt. Der richtig frische Wind kommt jetzt – 14 Jahre später. Wenn disruptive Technologien wie künstliche Intelligenz auf praktische Erfahrung, Reflexionsfähigkeit, Kritisches Denken und ausgeprägte Fachexpertise treffen, dann erst entfaltet das Potenzial einer neuen Technologie eine ganz besondere Kraft. Das ist auch auf andere berufliche Rollen übertragbar: KI-Kompetenz ist erst dann richtig wertvoll, wenn sie mit tiefem Domainwissen, Methodenkompetenz und ausgeprägten sozialen Kompetenzen kombiniert wird. Vor diesem Hintergrund spielen gerade die berufserfahrenen Mitarbeiter bei der KI-Transformation eine wichtige Rolle in den Unternehmen. Davon bin ich überzeugt.

Was konkret hat sich verändert?

Der „frische Wind“ im Hörsaal ist mehr als eine erfrischende Brise; er ist im positiven Sinne in den letzten Monaten zu einem Sturm der Veränderung geworden. Ich empfinde es als großes Privileg, dass mir die großen Tech-Konzerne ihre KI-Labore öffnen, dass ich dort mit KI-Systemen arbeiten kann, ehe sie auf den Markt kommen, dass mir KI-Experten zum Austausch zur Seite stehen und dass ich über die vielen Vorträge bei Unternehmen und auf Konferenzen jede Woche die Möglichkeit habe, mich weiterzuentwickeln.

  1. Präsentation: Wenn ich auf Konferenzen spreche, dann kann ich das seit einigen Wochen im „Teamwork“ mit meinem KI-basierten Avatar machen. „Normal Powerpoint feels very yesterday.“ Das ist zugegebener Maßen keine bahnbrechende Veränderung, aber eine Erinnerung an mich, dass ich mich beim Kommunizieren auf meine menschlichen Stärken wie Begeisterungsfähigkeit, Zugewandtheit, Empathie und Charisma konzentrieren muss, um mich im positiven Sinne von meinem Avatar zu differenzieren. (Auch diese Erkenntnis ist auf andere Tätigkeiten übertragbar).
  2. Forschung: Wenn ich zur Arbeitswelt der Zukunft „forsche“ und eine Vielzahl an unstrukturierten Daten auswerte, dann nutze ich seit einigen Wochen meine KI-Agenten, die autonom definierte Recherche- und Auswertungsaufgaben für mich durchführen können. Ich überwache und kontrolliere die Arbeit meiner KI-Agenten zwar, aber ich spare mir signifikant Zeit, diese Tätigkeiten delegieren zu können. Auch die Deep Research-Funktionalität, die es bei verschiedenen Large Language Modellen gibt, ist hierbei eine große Zeitersparnis.
  3. Lehre/Weiterbildung: Ich habe einen KI-Avatar, der so aussieht wie ich, durch Voice-Cloning so klingt wie ich und den ich ausschließlich mit meinen eigenen Daten, also mit eigenen Publikationen, Vorlesungen und Interviews trainiere, so dass er auch inhaltlich so spricht wie ich. Meine eigenen Vorlesungen halte ich nach wie vor selber, aber grundsätzlich ist es denkbar, dass für betriebliche Weiterbildungen und ausgewählte Vorlesungen an Schulen und Hochschulen, in denen es um reine Wissensvermittlung (z.B. Pflichtschulungen) geht, vermehrt diese Avatare zum Einsatz kommen. Sie sind 24/7 verfügbar, sprechen viele Sprachen, ermüden nicht und können an vielen unterschiedlichen Orten zur gleichen Zeit „lehren“.
  4. Publizieren: Schreiben ist und bleibt für mich die „rhythmische Sportgymnastik des Denkens“. Während ich schreibe, strukturiere ich meine Gedanken und trainiere meine humane Intelligenz. Das werde ich so beibehalten. Und dennoch nutze ich KI ganz bewusst als „Co-Creator“ für meine Publikationen – inhaltlich und graphisch. Mein neues Buch, das ich derzeit über „KI und unsere Zukunft der Arbeit“ schreibe, entsteht mithilfe von unterschiedlichen KI-Systemen, die mir assistieren. So analysiert bspw. mein KI-Agent meine Social Media-Postings, erkennt, auf welche Beiträge eine hohe Resonanz erfolgt ist, wertet Kommentare aus und gibt mir auf dieser Basis datenbasiert konkrete Vorschläge, welche Inhalte in mein Buch adressiert werden sollten. Ein anderer Research-Agent wertet für mich die großen internationalen Wissenschaftsdatenbanken aus und macht mir Vorschläge für Trends, die ich in mein Buch einfließen lassen sollte. Was für eine Arbeitserleichterung.
  5. Visualisierte Lerninhalte: Ich nutze derzeit intensiv das neue Videogenerierungs-Tool VEO von Google sowie den Video Overview Modus von NotebookLM, um Content als Video darzustellen. Es macht einen Unterschied, ob ich im Hörsaal über humanoide Roboter in industriellen Produktionshallen „spreche“, oder ob ich hierzu ein Video drehe und dies meinen Studierenden zeige. Diese KI-basierte Generierung von Videoinhalten wird die Werbeindustrie, aber auch die Wissensvermittlung an Schulen deutlich verändern.
  6. Individualisierte Lernpfade: Ich habe ebenfalls mit dem Tool NotebookLM „Talking Textbooks“ über unsere „Zukunft der Arbeit mit KI“ erstellt und für alle Interessierten ins Netz gestellt, mit denen alle Nutzer KI-basiert individualisiert lernen können. Anstelle eines Buchs, in dem für alle die gleichen Inhalte enthalten sind, können die Nutzer ihre individuellen Fragen zur Arbeitswelt der Zukunft stellen, ihre persönlichen Interessensgebiete vertiefen, auf ihre berufliche Rolle eingehen, gemäß Kenntnisstand aufbereitete Antworten erhalten und so mit dem „Talking Textbook“ individualisiert chatten und arbeiten. Auch meine Studierenden arbeiten intensiv mit diesen „Talking Textbooks“. Eine Rückkehr zur Standardlehre können wir uns nicht mehr vorstellen.

Fazit: KI als „Treiber“, aber auch „Enabler“ für beschleunigtes Lernen

Ich bin sehr gespannt, was die nächsten 14 Wochen an Veränderung durch KI mit sich bringen werden. Ich kann mir keinen günstigeren Zeitpunkt vorstellen, um jetzt in ein 8-monatiges Forschungssabbatical zu starten, um die Möglichkeiten und Grenzen neuer KI-Entwicklungen auf unsere Zukunft der Arbeit zu erforschen und konkrete Handlungsempfehlungen für die positive Gestaltung unserer Arbeitswelt der Zukunft abzuleiten.

KI ist nicht nur Treiber für Veränderung im Lernen, sondern auch ein wirkungsvoller Enabler. Wenn sich die Welt disruptiv verändert, muss sich auch das Lernen disruptiv verändern – und in gänzlich neuen Wegen und Dimensionen gedacht werden. Daher untersuche ich nicht nur die „Arbeitswelt der Zukunft„, sondern auch das „Lernen der Zukunft„. Ich bin überzeugt:

„Die Zukunft gehört denjenigen, die am besten lernen.“

Stichwort Lernen: Wenn Ihr zu diesen Themen auf dem Laufenden bleiben wollt – gerade auch jetzt in den Sommerferien: Die Links zu meinem KI-generierten KI-Podcast „Future of Work with AI“ sowie zu meinen „Talking Textbooks“ über „What do you need to know about AI?“ und „What do you need to know about AI Agents?“ findet Ihr im Kommentarfeld.

Ich hoffe, diese Newsletterausgabe war spannend für Euch. Happy Learning and Happy Weekend!

Eure Yasmin Weiß