Gestern nahm ich an der Herbstsitzung des Industrial Advisory Boards von Accenture teil. Wir diskutierten mit namhaften China-Experten die aktuellen KI-Entwicklungen in China im Vergleich zu Deutschland und Europa. Dann fiel der folgende Satz, der mir besonders in Erinnerung blieb:
Die Geschwindigkeit, mit der wir in Deutschland jeden Tag langsamer werden, wird immer schneller.
Wenn wir an Schumpeter’s Prinzip der „kreativen Zerstörung“ denken, haben wir in Deutschland weniger das Problem mangelnder Kreativität, sondern mangelnder Bereitschaft zur „Zerstörung“ dessen, was gegenwärtig noch funktioniert. Wir halten an Arbeitsweisen, Denkweisen, Einstellungen, Arbeitsabläufen und Geschäftsmodellen zu lange fest, obwohl sie nicht mehr zukunftsfähig sind. Dass die Bereitschaft zur frühzeitigen Erneuerung besser ist als das Abwarten, merkt jeder Fahrgast der Deutschen Bahn, der durch das marode Schienennetz nicht mehr pünktlich ans Ziel kommt.
In einer Arbeitswelt, in der KI omnipräsent wird, ist Erneuerung durch „kreative Zerstörung“ ein „Muss“, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Denn viele „Gewissheiten“ von gestern gelten nicht mehr. Das Prinzip der proaktiven Erneuerung ist hier besonders wichtig, da Menschen Zeit brauchen, um sich anzupassen. Um das volle Potenzial unserer Zusammenarbeit mit KI auszuschöpfen, müssen wir bereit sein, alte Annahmen und Arbeitsweisen abzulegen. Mit anderen Worten: wir müssen verlernen, was uns früher erfolgreich machte. Das ist eine schmerzhafte, aber wichtige Aufgabe.
Daher ist diese Newsletterausgabe der Frage gewidmet, was 10 wichtige Regeln sind, die wir verlernen müssen, um die neuen Spielregeln unserer Arbeitswelt mit KI zu erlernen.
Das große „Reset“ : Welche 10 Regeln wir „verlernen“ müssen
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit möchte ich Euch nachfolgend die zu verlernenden Glaubenssätze sowie die neuen Regeln für Produktivität und Erfolg im Zeitalter von KI vorstellen.
1. Qualität versus Geschwindigkeit: „You need to pick one!“
- Wir müssen verlernen: Dass Geschwindigkeit und Qualität Widersprüche sind.
- Die neue Lektion: KI ermöglicht „High-Speed Quality“. Wir können schnell sein und gleichzeitig hohe Qualität liefern, da KI die Analyse und Optimierung in Echtzeit sowie die Durchführung unterstützt. Die neue Regel lautet also: „If you want to be fast, you can be fast, and still deliver high quality.“
2. Skalierung vs. Personalisierung:
- Wir müssen verlernen: Dass Effizienz und individuelle Anpassung sich widersprechen.
- Die neue Regel: Der Markt fordert zunehmend „Hyperindividualization“ ein und KI liefert die Antwort mit der Ermöglichung von effizienter „Mass Personalization“: Wir können Produkte (z.B. Turnschuhe), Dienstleistungen (z.B. Coaching, Beratung) und Kommunikation (Stellenanzeigen, Produktanzeigen, Emails) in automatisierter Form individuell auf den Nutzer zuschneiden und gleichzeitig skalieren.
3. Mythos vom leeren Blatt:
- Wir müssen verlernen: Dass neue Projekte, Problemstellungen und kreative Arbeit bei Null beginnen und der erste Entwurf der schwierigste Teil ist.
- Die neue Regel: KI liefert den „First Draft“ (bspw. Text, Code, Design). Unsere humane Kernkompetenz verschiebt sich vom Erstellen zum Kuratieren, Validieren, Verfeinern, Veredeln, Kontextualisieren und Emotionalisieren. Die „erste Phase“ eines neuen Projekts wird damit extrem beschleunigt.
4. Wissen ist Macht:
- Wir müssen verlernen: Dass das Horten von Informationen und Faktenwissen Macht bedeutet.
- Die neue Regel: Informationen sind omnipräsent und durch KI sofort zugänglich. Macht bedeutet heute, mit den richtigen KI-Lösungen arbeiten zu können, die passenden Fragen zu stellen (Prompting), die Antworten kritisch zu hinterfragen, mit Domainwissen zusammenzuführen und korrekt anzuwenden.
5. Beschäftigtsein = Produktivität:
- Wir müssen verlernen: Dass „Busy Work“ (E-Mails beantworten, Meetings organisieren, Präsentationen erstellen, Recherche machen, Daten aufbereiten, Protokolle schreiben) gleichbedeutend mit Wertschöpfung ist.
- Die neue Regel: Impact ist die neue Produktivität. KI automatisiert „Busy Work“. Wir messen „Leistung“ am Ergebnis, nicht an der aufgewendeten Zeit oder der Anzahl erledigter Aufgaben. Wer gut automatisierbare Tätigkeiten selber macht, ist nicht fleißig, sondern nach der neuen Regel „unproduktiv“.
6. „Anfängersein“ kratzt an Autorität
- Wir müssen verlernen: Dass „Anfängersein“ (Fragen zu stellen, neue Tools und Arbeitsweisen zu erlernen, Fehler zu machen, Sagen, was man nicht versteht) gleichbedeutend mit „wahrgenommener Inkompetenz“ und „Unsicherheit“ ist.
- Die neue Regel: Anfängersein sichert die Kompetenz und Wettbewerbsfähigkeit von morgen. Nicht das „Anfängersein“ sollte die Autorität in Frage stellen, sondern die Sturheit, an alten Denk-, Verhaltens- und Arbeitsweisen starr festzuhalten.
7. Dominanz der Hard Skills
- Wir müssen verlernen: Dass technische und fachliche Fähigkeiten (Hard Skills) wichtiger sind als menschliche Fähigkeiten (Soft Skills).
- Die neue Regel: Da KI immer mehr technische Aufgaben (z.B. Coden) übernimmt und Fachwissen automatisiert auswerten und in Tätigkeiten einbringen kann, werden „Human Skills“ wie Empathie, kritisches Denken, Intuition, ethische Urteilsfähigkeit, Warmherzigkeit und komplexe Kommunikation zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal. Die neue „Dominanz“ menschlicher Qualifikationsprofile im Sinne von „Werthaftigkeit“ ergibt sich aus der „Kooperationsfähigkeit mit KI“ und der gleichzeitigen „Differenzierungsfähigkeit von KI“ durch ausgeprägte Sozialkompetenzen.
8. Entscheidungsfindung durch Hierarchie
- Wir müssen verlernen: Dass Entscheidungen „Top-Down“ getroffen werden müssen, weil das Management den größten Überblick und die erforderliche Erfahrung besitzt.
- Die neue Regel: KI demokratisiert den Zugang zu Daten und Analysen. Entscheidungen können in hoher Qualität dateninformiert, näher am Problem gelöst und damit dezentralisiert getroffen werden. Intuition und Erfahrung werden nicht ersetzt, können aber durch KI-Insights wirkungsvoll ergänzt und damit auch von weniger erfahrenen Menschen getroffen werden.
9. Trennung von Technologie und Business
- Wir müssen verlernen: Dass IT und KI-Implementierung eine Support-Funktion ist, die andere Fachbereiche unterstützt, und getrennt vom Kerngeschäft zu sehen ist.
- Die neue Regel: KI ist das Kerngeschäft. Jedes Unternehmen ist jetzt ein KI-Unternehmen. Jeder Mitarbeiter hat mit KI neue Co-Worker, ohne die er weniger leistungsfähig ist. Die Fähigkeit, KI in spezifischen Anwendungsfeldern einzusetzen, (AI Literacy) sowie die Identifikation von neuen Anwendungsfeldern ist auf allen Ebenen und in allen Fachbereichen erforderlich.
10. KI als Werkzeug versus KI als Partner
- Wir müssen verlernen: Dass KI nur ein weiteres Software-Tool ist, das eingeführt wird, wie Word, Powerpoint, Excel oder Google als Suchmaschine.
- Die neue Regel: KI ist ein aktiver Co-Worker, Co-Pilot und „Thought Partner“. Wir müssen lernen, dass gemischte Mensch-Maschine-Teams das „neue Normal“ darstellen und das Arbeiten mit einer „Augmented Intelligence“ (Zusammenführung von humaner und künstlicher Intelligenz“) zum neuen Arbeitsstandard gehört.
Fazit:
“Your unlearning rate must exceed your irrelevance rate.” Barry O’Reilly
Unsere Zusammenarbeit aus Mensch und Maschine erfordert ein radikales Umdenken in unserer Arbeitswelt. Wir müssen schneller verlernen, als wir irrelevant werden und unsere Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Der Wandel passiert exponentiell schnell, was ein schnelles Verlernen vor dem Neulernen erforderlich macht.
Wir müssen jetzt bereit sein, das Gute aufzugeben, um das Zukunftsfähige zu schaffen. Das ist bislang nicht unsere Stärke, kann aber zu einer werden. Also: „Unfollow the old rules. Practice the new ones.“
Herzlich
Eure Yasmin Weiß
In eigener Sache: Wenn Ihr die ausführliche Version dieser Newsletterausgabe lesen wollt, in der ich zusätzlich neue Regeln für die HR-Funktion beleuchte, könnt Ihr dies auf der Plattform Substack (internationale Plattform zum Teilen von detailliertem Content) tun. Hier ist der Link:
Substack-Subscribers erhalten auch Zugriff auf mein KI-basiertes „Talking Textbook“ mit dem Titel „Future of Work with AI„, das ich persönlich kuratiere und laufend aktualisiere, so dass Ihr auf Basis aktueller Daten mit diesem Textbook chatten und Eure persönlichen Fragen stellen könnt, um Euch fortlaufend über unsere Arbeitswelt der Zukunft mit KI zu informieren.