Pessimismus – den wir uns in Deutschland nicht mehr leisten können – bekommen wir geschenkt. Zuversicht hingegen müssen wir uns verdienen. Daher möchte ich in diesem Newsletter ganz bewusst meine Gedanken teilen, die uns zuversichtlich stimmen können : KI kann zum größten beruflichen Geschenk meiner Generation (GenX/GenY) werden – vorausgesetzt, wir nutzen unsere Chance.

Vergangene Woche schrieb mir ein alter Schulfreund eine WhatsApp-Nachricht und gratulierte zu unserem Abi-Jubiläum. Er erinnerte mich daran, dass wir jetzt “Karriere-Halbzeit” hätten: 20 Berufsjahre liegen seit Abschluss unserer jeweiligen Promotionen hinter uns, 20 noch vor uns. Eine Karrierephase, in der wir für nichts mehr zu jung und für vieles noch nicht zu alt sind. Wir können (Lebens-)Erfahrung, tiefe Branchen- und Domainkenntnisse, die wir uns über Jahre angeeignet haben, mit den Möglichkeiten neuer Technologien verknüpfen. Für mich persönlich kann ich sicher sagen, dass die KI-Entwicklung zur größten Chance meiner bisherigen beruflichen Karriere geworden ist. Ich habe vor, sie zu nutzen und unsere Zukunft der Arbeit mit KI aktiv mit zu prägen. Vieles spricht dafür, dass gerade Berufserfahrene – gerade jene mit viel Erfahrung – von den KI-Chancen besonders profitieren können.

Entgegen der Intuition: Aktuelle Zahlen zeigen, dass ausgerechnet die Jüngeren derzeit nicht zu den Profiteuren der KI-Transformation zählen

Eine aktuelle Studie der Universität Stanford, in der Millionen US-amerikanische Beschäftigungs- und Gehaltsdaten analysiert worden sind, zeigt: In sogenannten „KI-exponierten Berufen“ ist die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen seit Ende 2022 um rund 13 Prozent gesunken. Diese signifikante Reduktion der Beschäftigung betrifft damit genau die Altersgruppe der Hochschulabsolventen. Gleichzeitig bleiben die Zahlen älterer Beschäftigter recht stabil. Die Forscher erklären das damit, dass frisch erlerntes Wissen (kodifiziertes Wissen) leichter durch KI ersetzt werden kann als langjährige praktische Erfahrung und Intuition (nicht kodifiziertes Wissen). Auch wenn diese Studie für den US-amerikanischen Arbeitsmarkt durchgeführt worden ist, lässt sich die Botschaft auch für uns übertragen: Erfahrung sticht kodifiziertes Wissen. Wenn diese Erfahrung auf Neugierde, Veränderungsbereitschaft und Technologiekompetenz trifft, entstehen besonders wertvolle Qualifikationsprofile.

Junge Menschen haben aber durchaus Möglichkeiten, ihren Marktwert positiv zu beeinflussen: Hilfreich ist, möglichst früh praktische Erfahrungen während Ausbildung und Studium zu sammeln und eine steile Lernkurve zu realisieren. Empfehlenswert ist auch, sich bewusst als “AI Native” zu positionieren und ganz bewusst gefragte KI-Kompetenzen zu erlernen. Wertvolle Qualifikationsprofile sind nicht per se an eine Alterskohorte gekoppelt, sondern an Mindset, Skills und gesammelten Erfahrungen.

Human Agency als eine der wichtigsten Future Skills

Warum bin ich so überzeugt, die KI-Transformation als “größtes berufliches Geschenk” nutzen zu können? Weil ich jetzt – mit 20 Jahren Berufserfahrung – vieles mitbringe, was ich für “Human Agency” in der Zusammenarbeit mit KI benötige – gerade jetzt, wenn wir das KI-agentische Zeitalter betreten und immer mehr autonom agierende KI-Assistenten führen werden. “Human Agency” zählt zu den wichtigsten Future Skills und beschreibt die menschliche Handlungs- und Kontrollfähigkeit in unserer Zusammenarbeit mit KI.

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Human Agency” ist eine kraftvolle Kompetenz. Sie speist sich aus drei Elementen:

  1. Problem Framing“: Viele Menschen scheitern bereits an der einfachen Regel “Denken vor dem Prompten” und definieren das Problem nicht klar. Oder sie versuchen, KI in den bisherigen Workflow zu integrieren. Wer durch Domainexpertise und viele Jahre Berufserfahrung Wertschöpfungsketten und Arbeitsprozesse sehr gut versteht und die wettbewerbsdifferenzieren Faktoren richtig identifiziert, kann „End-to-End-Process Redesign“ betreiben und damit die größte Wirkung beim Einsatz von KI und insbesondere KI-Agenten entfalten. Ein konkretes Beispiel: Ich arbeite seit vielen Jahren als Professorin. Ich habe meine Workflows, wie ich anwendungsnahe Forschung, Publizieren und Lehre vorantreibe, komplett umgestellt. Dabei hilft mir meine Erfahrung, gut einschätzen zu können, was die Erfolgsfaktoren in diesen jeweiligen Tätigkeiten sind und wie ich KI einsetzen kann, um zielorientiert als “AI Augmented Professor” arbeiten zu können. Ergebnis: Mehr Output. Neue Didaktik. Mehr Freude, an dem, was ich tue.
  2. AI Steering“: Hier geht es um die Definition eines klugen Zusammenarbeitsmodells zwischen humaner und künstlicher Intelligenz. Dafür braucht es ein gutes Gespür für die eigenen Stärken und Limitationen und denen der KI. Viele Menschen lassen zu Beginn der Zusammenarbeit den Schritt der “Diskrepanzanalyse” aus, der aber wichtig ist: Damit ist gemeint, die zu delegierende Aufgabe zunächst herkömmlich zu lösen, dann den Prozess durch Einsatz von KI zu automatisieren und schließlich die Ergebnisse zu vergleichen. Erst durch diese “Diskrepanzanalyse” lässt sich einschätzen, wie Leitplanken und Kontrollpunkte durch uns Menschen zu definieren sind. Das kritische Bewerten der Ergebnisse kann dann gezielt daran ansetzen. “You can’t leapfrog critical thinking.”
  3. Human Judgement“: Damit ist menschliches Urteilsvermögen, Evaluierung, menschliches Veredeln der Ergebnisse sowie die Übernahme der Gesamtverantwortung gemeint. Gerade hier wird die Bedeutung von Erfahrung besonders deutlich, die sich auch in menschlicher Intuition zeigt. Damit ist das Gespür gemeint, wo man als Mensch “hinfassen” und “aufpassen” muss, damit die Ergebnisse eine hohe Qualität haben.

Ich habe in den vergangenen Jahren ausreichend Zeit gehabt, die Fähigkeiten zu stärken, die ich für die Übernahme von “Human Agency” benötige. Ich habe ein gutes Gespür dafür entwickelt, wie ich meine eigenen Fähigkeiten durch den Einsatz von KI “augmentieren” – also erweitern kann. Ich habe ein ebenso gutes Gefühl dafür bekommen, welche Tätigkeiten prädestiniert sind, an KI delegiert und damit automatisiert zu werden. Vor allem aber habe ich von meiner jetzigen Position aus die Möglichkeit, thematische Nischen in der KI-Transformation, die neu und relevant sind und zu meinem Stärkenprofil passen, strategisch und authentisch zu besetzen. Die Glaubwürdigkeit, eine Nische kompetent besetzen zu können, entsteht durch die Brücke zwischen Erfahrung und Durchdringung des Neuen. Genau hier liegt eine riesige Chance für meine Generation und alle, die viel Erfahrung mitbringen. Vor uns liegt eine “grüne Wiese” voller neuer Rollen, neuer “heißer Themen”, neuen Chancen.

Fazit: Erfahrung und Offenheit sind nicht Gegensätze, sondern die Zutaten für Erfolg in der KI-Transformation

In Zeiten starker Veränderung wird Lernfähigkeit relativ zu Erfahrung wichtiger. Das heißt aber nicht, dass Erfahrung unwichtig wird. Das Gegenteil ist der Fall. Erfahrung nährt die schwer zu automatisierende menschliche Intuition, die für kritisches Bewerten und die Kontrolle der Ergebnisse der KI so wichtig ist. Erfahrung schärft zudem den Blick für holistische Problemdefinition und ausbalanciertes, oftmals multirationales Entscheiden. In der Kombination aus Erfahrung mit Offenheit und Veränderungsbereitschaft liegt großes Potenzial für beruflichen Erfolg. Ich empfinde es als so großes Geschenk, diesen besonderen Moment in der Technologiegeschichte zu erleben und neue Rollen einzunehmen, die vor mir niemand besetzt hat. Ich hoffe, viele mit diesem Chancenblick anstecken zu können. Pessimisten haben wir genug in diesem Land.

In eigener Sache: Wer mehr über “Human Agency” und einen zuversichtlichen Blick auf unsere Zukunft der Arbeit mit KI erfahren möchte, kann bald mein neues Buch mit dem Titel “Was bleibt vom Menschen, wenn die KI übernimmt” lesen, das diese Woche in den Druck gegangen ist. Es erscheint am 27. August 2026 im Campusverlag. Wer unter folgendem Link vorbestellt, erhält pünktlich zum Erscheinungstermin ein von mir signiertes Exemplar zugeschickt.

www.autorenwelt.de/yasminweiss

Ich freue mich, wenn Ihr zu informierten Gestaltern einer positiven Arbeitswelt der Zukunft werdet und daran mitwirkt, eine Arbeitswelt zu schaffen, die cooler und zugleich wärmer ist. Let’s go.

Herzliche Grüße

Eure

Yasmin Weiß