Die Zukunft der Arbeit kommt nicht erst, sie ist bereits da. Was bis vor Kurzem noch nach Science Fiction klang, ist in der Arbeitswelt Realität geworden. Das hat mir meine letzte Arbeitswoche gezeigt, die einige „Premieren“ mit sich gebracht hat.

Next-Level-Learning: Zum einen habe ich mein KI-basiertes „Talking Textbook“ live gestellt, das Ihr bei Interesse frei nutzen könnt (Link im Kommentarfeld; Ihr benötigt dafür lediglich einen Google Account). Für dieses habe ich über das KI-Tool NotebookLM sorgfältig einen Datenpool kuratiert, in dem ich aktuelle Studien, Interviews sowie Videos und Vorlesungen von weltweit führenden Experten und Institutionen zum Thema „Future of Work with AI“ hinterlegt habe. Auch meine eigenen Publikationen und Sichtweisen sind dort zu finden. Ihr könnt mit dem „Talking Textbook“ nun chatten, Eure persönlichen Fragen stellen, die Auswirkungen von KI auf Euren Tätigkeitsbereich analysieren, die Meinungen von Experten miteinander vergleichen, die Potenziale des Einsatzes von KI mit den Risiken gegenüberstellen und Euch in gewünschten Formaten eine personalisierte Zusammenfassungen zu Euren Interessensgebieten generieren lassen (als Text, Mindmap, Podcast). Vermutlich war es nie leichter, sich individualisiert Wissen in prägnanter Form multimodal aufbereiten zu lassen. Es war für mich faszinierend zu sehen, wie schnell dieses Talking Textbook viral gegangen ist und wie positiv das Feedback hierauf war. Updates will follow. Für meine Rolle als Professorin bedeutet das, in Zukunft für meine Vorlesungen Talking Textbooks zu erstellen, mit denen meine Studierenden individualisiert und KI-basiert lernen können. Bye-Bye Literaturempfehlungen zur Ausleihe in der Hochschulbibliothek.

Presenting with an Avatar: Zum anderen durfte ich in Zürich auf Einladung eines großen Techkonzerns das erste Mal eine Keynote zur Arbeitswelt der Zukunft in Kooperation mit einem KI-Avatar halten, der mit mir gemeinsam auf der Bühne war. Der Bühneneffekt war spannend, allerdings kann ich nach dieser Erfahrung selbstbewusst konstatieren: Richtig gute Speaker, die das Publikum inspirieren, das Storytelling beherrschen, Bühnenpräsenz und ein charismatisches Auftreten haben sowie empathisch auf die Reaktionen des Publikums eingehen, werden auf absehbare Zeit nicht in gleicher Qualität von einem KI-Avatar ersetzt werden. Spaß gemacht hat es in jedem Fall. Meine Erfahrung mit dem Avatar auf der Bühne ist durchaus auch auf andere Tätigkeitsbereiche übertragbar: Es hat mir vor Augen geführt, dass wir Menschen deutlich menschlicher, zugewandter und empathischer agieren müssen, um uns bei der Verrichtung von grundsätzlich automatisierbaren Tätigkeiten im positiven Sinne von Technologie zu differenzieren. Wer roboterhaft agiert, kann von einem Roboter ersetzt werden.

Voice-Cloning mit Echtzeitübersetzung: Dann habe ich mit der ARD eine Dokumentation zur unserer Arbeitswelt der Zukunft mit KI gedreht. Drehort war das Google Büro in München, wo ich gemeinsam mit der ARD Reporterin eine „Weltpremiere“ für den deutschsprachigen Raum vor laufender Kamera getestet habe: Über GoogleMeet ist es nun möglich, die eigene Stimme zu klonen und in eine Zielfremdsprache übersetzen zu lassen. Vorbei sind damit internationale Business Meetings, in denen sich die Anwesenden auf (oftmals holpriges) Business English einigen, sondern jeder in seiner Muttersprache kommunizieren kann. Das erhöht nicht nur die Ausdrucksfähigkeit, sondern auch die Fairness (bislang klingen ja besonders die English Native Speaker in solchen Meetings besonders kompetent). Zudem lassen sich damit für Arbeitgeber auch neue Talentpools an Arbeitskräften erschließen, die gewillt sind, zu arbeiten, aber die erforderlichen Sprachkenntnisse nicht mitbringen. Als mich die ARD Reporterin fragte, ob dies nun „das Ende des Jobs der Simultandolmetscher“ sei, war meine Antwort die folgende: „Wir sollten den Blick nicht nur auf den Arbeitsplatzverlust durch KI richten, sondern auch auf den Qualitätsgewinn. In den meisten internen Business Meetings und Calls ist kein Simultandolmetscher anwesend – das wäre auch viel zu teuer. Es wird daher für diese Zwecke keinem Dolmetscher ein Arbeitsplatz weggenommen. Aber ziemlich sicher wird es weniger sprachliche Missverständnisse geben.“

Prompt-to-Video: Und dann haben wir noch Google’s Veo 3 Modell getestet; aus meiner Sicht das leistungsfähigste Videogenerierungstool derzeit, mit dem durch einfaches Prompting Videos mit eindrucksvoller Bild- und Tonqualität erzeugt werden können. Nicht nur die Filmindustrie steht dadurch im Umbruch. Auch für Werbung und Social Media Aktivitäten lässt sich mit diesem Tool hochwertiger Video Content erzeugen.

Beim Testen dieser neuen Tools wird eines sehr deutlich: Mit den Chancen der technologischen Möglichkeiten steigen auch die Risiken. Den Stimm-, Foto- und Videobeweis gibt es nicht mehr. Wir können KI-basiert täuschend echte Imitationen der Realität erzeugen. Diese Entwicklungen treffen auf eine weitgehend unvorbereitete Bevölkerung, die dadurch manipulierbar, beeinflussbar und betrügbar wird, wenn die KI-Tools für falsche Zwecke missbraucht werden.

Die Kennzeichnungspflicht von KI-generierten Inhalten ist aus meiner Sicht längst überfällig. Ebenso wie flächendeckendes „nationales Upskilling in AI„, um die Bevölkerung zu befähigen, die neuen Potenziale von KI sicher zu nutzen und sich vor möglichen Risiken zu schützen.

Wenn es langfristig auf eine Fähigkeit von uns Menschen hinausläuft, die uns von künstlicher Intelligenz unterscheidet, dann ist dies unsere Fähigkeit, Liebe zu empfinden und zu geben. Und doch gibt es zwischen KI und Liebe eine zentrale Gemeinsamkeit:

„Well used it’s limitless power and pleasure. Missused it’s limitless pain.“

Vor diesem Hintergrund freue ich mich, mit „SkillHer“ Teil der nationalen AI Upskilling Initiative von Microsoft zu sein, mit der insbesondere Frauen ihre Kompetenzen im Bereich KI ausbauen können (AI Fluency Track für Einsteigerinnen, AI Mastery Track für Fortgeschrittene). Von Google bin ich diese Woche als „Thought Leader in AI“ ausgewählt und in das globale „Early Access Program“ aufgenommen worden, um KI Systeme aus dem Google Ökosystem zu testen, ehe sie auf den deutschen Markt kommen und den Entwicklern in der Beta-Phase Feedback zu geben. Ich freue mich, spannende neue Tools zu testen und die Auswirkungen auf unsere Arbeit zu analysieren. Vor allem schätze ich die Möglichkeit, durch mein Feedback an „human centric, responsible AI“ mitzuwirken.

Ich bin davon überzeugt: Der beste Weg, sich in die Arbeitswelt zu verlieben, ist, sie mitzugestalten.

Stay tuned and happy weekend.

Eure Yasmin Weiß