„Stellt Euch vor, unsere Zukunft wird „megagut“, und Ihr seid Schuld daran: Was müsst Ihr jetzt verstehen, entscheiden, lernen und umsetzen?“

Mit dieser Frage an meine Studierenden starte ich gerne in ein neues Semester. Ich möchte die ziemlich düstere Realität nicht ausblenden. Und dennoch halte ich es für sehr wichtig, dass wir gerade angesichts der gewaltigen Herausforderungen entschieden die Ärmel hochkrempeln und an den Stellschrauben für eine gute Zukunft drehen, die wir selber in der Hand haben.

Nichts ändert sich, wenn sich nichts ändert. Die Veränderung beginnt immer im Kopf.

Ich wünsche mir, dass wir uns als Gesellschaft, Politik und Wirtschaft die obenstehende Frage ernsthaft stellen und unseren jeweiligen Beitrag leisten. Anstrengungsloser Wohlstand und eine mühelose Zeitenwende sind eine Illusion. Wir müssen alle „Verlustkompetenz“ erlernen. Damit meine ich die Bereitschaft und die Fähigkeit, das „Bisherige aufzugeben, um das Zukunftsfähige zu schaffen“. Das gilt für unsere Annahmen, wie unser Sozialstaat und unsere Renten finanzierbar sind, aber auch für unsere Arbeitsweisen, Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle sowie für unsere berufliche Ausrichtung. Die Frage ist deswegen so schwierig, weil es die bisherige Identität von uns als Individuen, Wirtschaft und Gesellschaft berührt.

Krisen sind die Zeit, um sich weiterzuentwickeln – und genau vor dieser Herausforderung stehen wir jetzt. Neulich sagte eine gute Freundin zu mir den Satz: „Wenn ich aus meiner Scheißkrise jetzt nichts lerne, dann ist und bleibt die Zeit auch rückblickend nur eine Scheißkrise, kein Neuanfang.“

Eine weitere These hat mich diese Woche stark berührt – sie stammt von Mustafa Suleyman, CEO von Microsoft AI. In seinem aktuellen Buch „The Coming Wave“ prognostiziert er, dass künstliche Intelligenz kurzfristig die Produktivität und Problemlösungskompetenz von Menschen steigere, aber langfristig damit zu rechnen sei, dass sehr viele – auch gut bezahlte – Jobs von Wissensarbeitern ersetzt werden, die nicht durch die Schaffung neuer Jobs überkompensiert werden. Er bezeichnet die Gleichzeitigkeit der riesigen Potenziale von KI bei den gleichzeitigen Risiken durch Missbrauch und flächendeckende Jobverluste als das „größte Dilemma der Menschheit im 21. Jahrhundert.“

Klassische „Job Security“ wird es immer weniger geben, Beschäftigungssicherheit entsteht vielmehr durch „Skill Security“, also durch die Fähigkeit, sich fortlaufend anzupassen und die gefragten Fähigkeiten zu erlernen.

Die Lücke zwischen „AI advancement“ und „Human Readiness for for AI“ wächst jeden Tag. Das ist eine riskante Entwicklung, denn sie bedeutet, dass mehr und mehr Menschen nicht mehr verstehen, was die technologische Entwicklung bedeutet. Sie können weder mitgestalten, noch die Potenziale der fortschreitenden Technologie nutzen.

Daher ist die aktuelle Newsletterausgabe der Frage gewidmet, wie wir mit Hilfe von KI deutlich besser lernen.

Berufliche Weiterbildung in gänzlich neuen Dimensionen denken

 Wir stehen vor einer gewaltigen Up-Skilling und Reskilling-Herausforderung. Für die 78 Millionen neuen Jobs, die laut dem aktuellen Future of Jobs Report 2025 vom World Economic Forum bis 2030 weltweit neu entstehen, gibt es noch keine Erstausbildung. Wenn also neue Rollen wie beispielsweise „KI-Forensiker“, „virtuelle Chirurgen“, „KI-Ethiker“ oder „Datenmüll-Recycler“ entstehen, gibt es bislang keine Ausbildungs- oder Studiengänge, die Menschen spezifisch für diese Anforderungsprofile ausbilden. Wenn die Erstausbildung versagt, muss die berufliche Qualifizierung und Weiterbildung in gänzlich neuen Dimensionen gedacht und umgesetzt werden. Hier sind Arbeitgeber und Individuen gleichermaßen gefragt, zu investieren. Die Frage, die wir uns ernsthaft stellen sollten, lautet: Wie schaffen wir „cutting-edge educational environments“?

Hier ein paar Ideen, wie dies gefördert werden kann, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

  • „Skill-Based Hiring“ anstelle von „Degree-Based Hiring“: Firmen wie SAP machen es bereits vor: Das Fehlen vorhandener Bildungsabschlüsse (ist Bildung jemals abgeschlossen?) sollte nicht länger der Showstopper für kompetenzbasierte Einstellungsentscheidungen sein. Gute Softwareentwickler sind ja deswegen gute Softwareentwickler, weil sie Hand in Hand mit KI gute Software entwickeln können und nicht zwingend, weil sie einen formalen Abschluss an einer Hochschule vorweisen können.
  • Mitarbeiter selber qualifizieren: Unternehmensinterne Qualifizierungsprogramme sowie Kooperationen mit anderen Unternehmen und Bildungsanbietern zur Herausbildung neuer Qualifikationen werden zur neuen Normalität. Die entsprechenden zeitlichen und finanziellen Budgets sind dringend erforderlich. Ein „KI-Ethiker“ muss keinen Masterabschluss in diesem Bereich vorweisen können, sondern kann berufsbegleitend ausgebildet werden.
  • Geteilte Verantwortung für das Lernen: Ein Modell, was sich zunehmend verbreitet, ist das Modell der geteilten Verantwortung für das Lernen. Arbeitgeber bieten an, 2,3 oder 4 Stunden pro Woche bezahlte Arbeitszeit für berufliche Weiterqualifizierung zur Verfügung zu stellen und die Kosten für die Weiterbildung zu tragen. Mitarbeiter sind im Gegenzug bereit, die gleiche Anzahl an Stunden in ihrer Freizeit zu investieren, um die Kenntnisse weiter zu vertiefen oder in der Anwendung auszubauen. Wird das 4+4 Modell gewählt (, d.h. der Arbeitgeber stellt jede Woche 4 Stunden bezahlte Arbeitszeit zur Verfügung und die Mitarbeiter verdoppeln die Stunden), kommt so ein ganzer Arbeitstag pro Woche für dezidiertes Lernen zustande. Das ist ein wirksamer Hebel, um mit der Veränderungsgeschwindigkeit und -intensität mitzuhalten. 4 Stunden bezahlte Arbeitszeit pro Woche mag für Arbeitgeber schwer umsetzbar und teuer erscheinen. Die Gegenfrage lautet, wie hoch die Kosten sind, wenn Lernen nicht ausreichend stattfindet. Empirische Befragungen unter meinen Studierenden deuten stark darauf hin, wie gut ein solches Modell von der GenZ angenommen und für attraktiv befunden werden würde.
  • Mini-Praktika in Unternehmen: Mustafa Suleyman bezeichnet das Festhalten an einer einzigen „beruflichen Identität“ und mangelnde Bereitschaft, sich beruflich neu zu erfinden und weiterzuentwickeln, als großes Risiko für dauerhafte individuelle Beschäftigungsfähigkeit. Ich habe in den letzten Monaten mit einigen Arbeitgebern gesprochen, die im Rahmen ihrer Personalentwicklung nicht nur einen internen Stellenwechsel nach drei Jahren anregen, sondern auch zweimal jährlich ein zweiwöchiges „Mini-Praktikum“ in einem anderen Bereich im Unternehmen eingeführt haben, um neue Sichtweisen und neue Lernerfahrungen ihrer Mitarbeiter zu fördern.
  • KI-basiertes Lernen: KI bietet uns die Möglichkeit, hyperindividualisiert und effizient neues Wissen aufzunehmen. „Next-Level Learning“ durch KI ist besser in den Alltag integrierbar, da es eine hohe zeitliche Autonomie der Lernenden ermöglicht. Zudem fördert es durch die Berücksichtigung individueller Bedürfnisse auch die Bereitschaft, zu lernen. Für meine eigenen Studierenden und meine Vorlesung „Future of Work with AI“ biete ich bspw. ein „lebendiges Lehrbuch“ an, das hochaktuell und multimodal ist. Über das KI-Tool NotebookLM habe ich die neuesten relevanten Studien zu diesem Thema, aktuelle Interviews von den führenden Experten weltweit sowie aktuelle illustrierende Videos hochgeladen. Ich habe also einen aktuellen Datenpool angelegt, der in das KI-Tool eingespeist wird. Nun können meine Studierenden mit ihrem „lebendigen Lehrbuch“ chatten und ihre individuellen Fragen stellen. Sie können sich interessensbasiert bestimmte Schwerpunkte herausarbeiten lassen. Sie können das Format wählen, mit dem sie selbst am liebsten lernen (Text, Audio oder Video). Sie können individualisierte Lernpfade anlegen und Wissensaufnahme mit praktischer Anwendung und Reflexion verknüpfen. Und sie können ihre persönlichen Thesen „challengen“ und mit den Sichtweisen von Experten vergleichen. Das Feedback meiner Studierenden hierzu war herausragend. Dieses Prinzip lässt sich auch auf den betrieblichen Kontext zu einem breiten Themenspektrum anbieten. Die Umsetzung ist leicht.

Was ich mit meinen Vorschlägen sagen will: Es ist Zeit, unserem Lernen eine neue Priorität im Alltag einzuräumen und neue Wege zu gehen. Hier ist KI einerseits ein wesentlicher Treiber dieser Veränderung, aber auch ein kraftvoller „Enabler“, besser zu lernen als jemals zuvor.

Ein Land wie Deutschland, dessen wichtigste Ressource im internationalen Wettbewerb nicht im Boden vergaben ist, sondern zwischen unseren beiden Ohren wächst, ist gut beraten, den Anspruch zu haben, zur Weiterbildungsrepublik Deutschland zu werden.

Wer wöchentlich in 15minütiges persönliches AI Upskilling investieren möchte, dem empfehle ich meinen englisch-sprachigen Podcast „Future of Work, Future Skills and AI“, der auf allen relevanten Podcast-Plattformen verfügbar ist.