“The end of business as usual isn’t near, it’s here.”
Dieses Gefühl habe ich mitgenommen, als ich diese Woche bei Google die multimodale, agentische KI-Plattform “Gemini Enterprise” getestet habe, die meinen persönlichen Arbeitsalltag fundamental verändert. Zunächst haben wir meine größten persönlichen “Pain Points” im Arbeitsalltag identifiziert, bei denen ich mir durch Automatisierung und “Skill-Augmentation” KI-basierte Unterstützung wünsche. Das ist grundsätzlich ein guter Hebel, um die intrinsische Motivation zur Verwendung neuer KI-Systeme zu steigern. Dann haben wir
- Multi-Agenten-Systeme gebaut, die gleichzeitig verschiedene Analyseaufgaben für mich durchführen, Ergebnisse vergleichen und „ranken“,
- einen spezifischen “Future of Work Research Agent” entwickelt, der komplexes Datenmaterial auswertet und in Executive Summaries sowie Übersichtsgraphiken überführt
- und eine hyperindividualisierte Social-Media Kampagne in Wort und Bild entworfen, die am nächsten Tag viral gegangen ist – wenig überraschend, da wir KI-basiert zuvor die Nachfragetrends analysiert haben.
Aufgaben, für die ich früher viele Tage gebraucht habe, habe ich in wenigen Stunden erledigt.
Das ist nur der Anfang einer völlig veränderten Arbeitswelt der Zukunft. Wir befinden uns nicht mehr nur im Zeitalter der “KI-Transformation”, sondern am Beginn der Phase von “Agentic Age” und “AGI” (Artificial General Intelligence). Damit wird sich unsere Arbeitswelt stärker verändern als wir uns derzeit vorstellen können. Mit dieser Entwicklung geht eine beispiellose Unsicherheit einher:
- Es gibt Fragen, die wir zwar schon kennen, aber noch keine guten Antworten darauf gefunden haben (“Known Unknowns”).
- Und es gibt offene Fragen, von denen wir noch gar nicht wissen, wie wir sie konkret formulieren sollten, da sich die Grundlagen für diese Fragen gerade erst entwickeln (“Unknown Unknowns”). Das was eintreten kann, liegt oft jenseits unserer persönlichen Vorstellungskraft.
Aber: Es ist durchaus möglich, dass wir uns auf eine noch unbekannte Zukunft der Arbeit mit vielen offenen Fragen vorbereiten können.
Daher ist diese Newsletterausgabe der Frage gewidmet, was die “Known Unknowns” und die “Unknown UnKnowns” unserer Arbeitswelt sind und was wir konkret tun können, um das Unbekannte zu managen.
1. Die “Known Unknowns”: Fragen, auf die wir noch keine guten Antworten haben
Diese Fragen liegen auf dem Tisch; es ist nun an uns, hierauf tragfähige Antworten zu finden. Die Zeit drängt, denn die Implikationen sind schon jetzt spürbar.
- Das Reskilling-Geschwindigkeits-Dilemma: Wir wissen, dass bis 2030 weltweit rund 59 % der berufstätigen Menschen Weiterbildung in Form von Up- und Reskilling benötigen werden, um ihren Job zeitgemäß ausführen zu können. (Quelle: Future of Jobs Report 2025 vom World Economic Forum). Noch nie gab es flächendeckend einen so ausgeprägten simultanen Weiterentwicklungsbedarf. Die ungelöste Frage lautet: Wie beschleunigen wir unser Lernen so massiv, dass unsere Lernprozesse, die aus Learning, Unlearning und Relearning bestehen, mit der Geschwindigkeit, mit der sich die Anforderungen verändern, mithalten können? Wie schaffen wir es, die Belegschaften rechtzeitig für neue Rollen zu qualifizieren, bevor ihre bisherigen Rollen wegfallen? Und wie begeistern wir Menschen für eine Technologie, die das Potenzial hat, viele von uns zu ersetzen oder in der Anpassungsgeschwindigkeit zu überfordern (Techno-Stress)?
- (Aus-)Bildung für eine unbekannte Welt: “We’re entering an unfamiliar world.” Wie bilden wir für diese aus? Was sollen wir erlernen, wenn viele Anforderungen der Zukunft bislang noch gar nicht bekannt sind?
- Die „gebrochene Sprosse“ am Karrierestart: In KI-exponierten Berufen sinkt die Anzahl von Jobs für Berufseinsteiger signifikant, das Jahr 2025 markiert hier nur den Anfang dieser Entwicklung, was auf Jobportalen wie Indeed oder LinkedIn sichtbar wird. Wir haben noch keine Antwort darauf gefunden, wie vor diesem Hintergrund langfristig die Nachwuchssicherung in Unternehmen gewährleistet werden soll, wenn KI immer mehr die Aufgaben von Berufseinsteigern übernimmt.
- Systemische Resilienz unserer Sozialversicherungssysteme: Wenn Erwerbsbiografien unstetiger werden (häufigere Jobwechsel, regelmäßige Weiterbildungsphasen), wie sichern wir Einkommen, Rente und Krankenversicherung für die Menschen ab? Wie managen wir die absehbare Gleichzeitigkeit von Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel? Wie gehen wir damit um, dass wir perspektivisch deutlich weniger Menschen mit mehr Kompetenzen am Arbeitsmarkt benötigen werden? Wenn wir hierauf keine guten Antworten finden, gefährden wir den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft.
2. Die „Unknown Unknowns“: Die blinden Flecken unserer Vision auf die Arbeitswelt der Zukunft
Darüber hinaus gibt es Fragen, die wir noch nicht einmal klar definieren können, die aber erhebliche Auswirkungen auf unsere Arbeitswelt der Zukunft haben werden:
- Schleichendes “Deskilling“: “We embrace convenience before we understand the long-term consequences of AI.” Wir nutzen also KI weit verbreitet zur Effizienzsteigerung und Aufgabenerledigung (z.B. bei Hausaufgaben), riskieren aber ein dauerhaftes „Cognitive Offloading“ – das Auslagern komplexen Denkens an Maschinen. Die kritische Frage für die Zukunft lautet: Wie vermeiden wir es, dass wir schleichend die Fähigkeit verlieren, selber zu denken und zur unabhängigen Urteilsbildung fähig zu sein, wenn wir den „produktiven Widerstand“ beim Problemlösen aufgeben? Wenn KI immer leistungsfähiger wird, wie kann unsere humane Intelligenz hier langfristig mithalten, bzw. was bedeutet “mithalten” dann überhaupt noch?
- Der schleichende Kontrollverlust über KI: In der Biologie gibt es wenig Beispiele, dass eine niedriger ausgeprägte Intelligenz eine höhere Intelligenz kontrolliert. Nun schlägt KI in weiten kognitiven Dimensionen die Leistungsfähigkeit unserer menschlichen Intelligenz. Die Frage, wie wir Menschen die Kontrolle über eine sich exponentiell entwickelnde künstliche Intelligenz, insbesondere AGI, behalten, ist auch deswegen noch nicht geklärt, weil wir die Potenziale von AGI noch nicht genau kennen. Die Entwicklungsgeschwindigkeit, mit der an AGI in den USA und China geforscht wird, übersteigt die Geschwindigkeit der Forschung, wie wir Menschen die Kontrolle über KI behalten, um ein Vielfaches. In dieser ungelösten Frage sehe ich persönlich eine der größten Bedrohungen für uns als Menschheit. Konkret lautet hier die Frage: “Are we racing towards collective suicide…and how can we prevent this?”
- Die Fragilität „menschlicher“ Qualifikationsvorteile: Wir wiegen uns in Sicherheit, dass menschliche Fähigkeiten wie Empathie, Intuition oder ethisches Verhalten „sicher“ vor Automatisierung seien. Doch Daten zeigen, dass diese Fähigkeiten fragil sind und bei ausgeprägten Krisen und abnehmender sozialer Interaktion (z.B. weil vieles davon in den virtuellen Raum und zunehmend auf virtuelle KI-Companions verlagert wird) schneller erodieren als gedacht. Damit laufen wir in Gefahr, genau das abzuschwächen, was unsere menschlichen Alleinstellungsmerkmale sind. Wie gehen wir präventiv damit um, auch wenn wir noch nicht wissen, was genau passieren wird?
- Berufliche Identität nach dem Wissens-Monopol: Wenn Expertenwissen durch KI zu niedrigen Grenzkosten verfügbar wird und Laien immer mehr befähigt werden, Aufgaben von Fachkräften zu erledigen, worauf gründet sich dann unser berufliches Selbstbewusstsein und Identität? Wie gehen wir Menschen gut damit um, wenn jahrelang erworbene Fähigkeiten entwertet werden und was macht das mit uns? Wie freunden wir uns mit neuen beruflichen Identitäten an, die wir nicht immer frei gewählt haben? Auch auf diese Fragen, deren Konsequenzen sich erst zeigen werden, müssen wir Antworten finden.
Und dann kommt noch die Robotik ins Spiel, die bis 2030 sehr große Fortschritte machen wird. Die Zusammenführung von Smart Hardware (Robots) mit Smart Software (KI) in Form von „Embodied AI“ wird viele Aufgaben übernehmen können, die heute noch von Menschen verrichtet werden. (Auf die humanoiden Haushaltsroboter freue ich mich.)
Mein Fazit: Ins Handeln kommen- auch bei Unsicherheit
Das größte Risiko für uns sind nicht die “Known Unknowns” oder die “Unknown Unknowns” an sich, sondern Passivität und das Nicht-Handeln. Erfolg im dynamischen KI-Zeitalter erfordert eine radikale Veränderungsfähigkeit von uns selbst sowie eine Neuausrichtung unserer Systeme auf das, was uns als Menschen einzigartig macht: die Fähigkeit, uns permanent an Veränderung anzupassen sowie in Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.
Es ist eine Kunst, zwischen dem zu navigieren, was wir wissen, und dem, was wir noch nicht wissen. Und uns nicht einmal vorstellen können. Ich hoffe, dass dieser Newsletter Lust darauf macht, genau diese Kunst zu erlernen.
Vor diesem Hintergrund habe ich auch eine Langversion dieses Newsletters veröffentlicht, in der ich konkrete Handlungsempfehlungen für Individuen und Arbeitgeber gebe, wie wir uns auf die “Known Unknowns” und “Unknown Unknowns” vorbereiten können. Die Langversion habe ich auf Substack veröffentlicht; Ihr gelangt hierzu über folgenden Link:
Ich wünsche Euch allen eine schöne Vorweihnachtszeit.
Herzlich
Eure Yasmin Weiß