Alles ist im Fluss

Ich habe die letzten Wochen verschiedene Keynotes in Dubai – ein aufstrebender globaler KI-Hotspot –  und in der DACH-Region gehalten über “Future requirements for humans in the age of Agentic AI”. Die Diskussionen auf Konferenzen verlaufen angesichts der Relevanz dieser Thematik und der vielen noch offenen Fragen derzeit sehr angeregt. Und oft kommen die besten Fragen zum Schluss: So hob ein Mann am Ende der Q&A-Session die Hand und stellte die folgende Frage:

“What will valuable resumes look like in the future? What advice should we give our children regarding their studies and future careers?”

Die Frage ist aktueller denn je. Mit agentischen KI-Systemen wird gerade die nächste Stufe der KI-Transformation gezündet. Rollen, Aufgabenverteilungen, Arbeitsstrukturen, Workflows und Führung werden neu definiert – mit durchaus drastischen Auswirkungen darauf, welche Fähigkeiten in Zukunft stark gefragt sein werden und welche nicht mehr. Zudem müssen wir uns darauf einstellen, dass Dokumente wie CVs, Whitepapers, Studien, Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte nicht mehr vorwiegend von Menschen, sondern von KI-Systemen (aus)gelesen werden. Dies verändert zum einen die Schreibweisen solcher Berichte und zum anderen die Kanäle, über die sie gefunden werden.

Wie ich daher auf diese Frage nach dem “wertvollen CV der Zukunft” angesichts dieser Entwicklungen geantwortet habe und was ich meinen eigenen Studierenden rate, ist Gegenstand der aktuellen Newsletterausgabe.

Kompetenzen statt Abschlüsse – Skills zählen mehr als Titel

Durch die hohe Veränderungsintensität und -geschwindigkeit, mit der sich die Anforderungen an uns Menschen verändern, kommt es immer weniger auf formale Bildungsabschlüsse an, die meist vergangenheitsbezogene Kompetenzen wiederspiegeln, sondern auf aktuelle, bedarfsgerechte Fähigkeiten. Der Trend, dass Unternehmen vermehrt auf Skills-based Hiring setzen, wird sich daher weiter fortsetzen: In der (Vor-)Auswahl von Bewerbern wird auf konkrete Fähigkeiten Wert gelegt, nicht notwendigerweise auf formale Bildungsabschlüsse, die bislang oft als “Eintrittskarte” in die Unternehmen gelten. Schließlich zeichnen sich neu entstandene Rollen wie gute “AI Engineers” dadurch aus, dass sie zuverlässige KI- Anwendungen bauen können und nicht dadurch, dass sie zuvor Informatik studiert haben. (Hinzu kommt: Für viele im Zuge der KI-Transformation neu entstandenen Rollen wie “KI-Ethiker”, “Cyber Forensiker” oder “KI-Agent-Trainer” gibt es meist noch gar keine formalen Bildungsabschlüsse.) Mit anderen Worten heißt das: Im Lebenslauf der Zukunft kommt es darauf an, was man tatsächlich kann, und nicht mehr, wo man was formal gelernt hat.

Wenn Bewerber also ihren CV gestalten, sollten sie den Fokus darauf setzen, welchen konkreten Mehrwert sie durch ihre Fähigkeiten ins Unternehmen bringen – und nicht nur, welche formalen Abschlüsse und beruflichen Erfahrungen sie mitbringen.

KI-Kompetenz wird zur Schlüsselqualifikation im Lebenslauf

Kenntnisse im Bereich KI sind im CV der Zukunft unverzichtbar – ähnlich wie PC-Kenntnisse heute. Schon jetzt zählt KI-Kompetenz zur wertvollsten singulären Einzelkompetenz, die vom Arbeitsmarkt derzeit mit 16% Gehaltsaufschlag gegenüber gleichen Qualifikationsprofilen ohne KI-Kompetenz honoriert wird. Bis 2030 wird KI-Kompetenz zum unverzichtbaren „Karriere-Kapital“: Wer nicht KI-kompetent ist, verspielt seinen Marktwert. KI-Fluency – also die Fähigkeit, KI zu verstehen und effektiv in spezifischen Tätigkeiten einsetzen zu können und bisherige Arbeitsweisen zu transformieren – wird zur Grundvoraussetzung.

Für Bewerber bedeutet das, im Lebenslauf konkrete Erfahrungen mit KI-Tools sichtbar zu machen – sei es durch praktische Projekte, Zertifikate (Micro-Certificates) oder die Nennung konkreter Tools und Systeme, die sicher bedient und in spezifischen Anwendungskontexten eingesetzt werden können.

Auch ein „AI Mindset“ gewinnt zunehmend an Bedeutung: Gemeint ist eine Haltung der Offenheit und Neugierde gegenüber neuen Technologien und der Wille, sich ständig weiterzubilden.

Bewerber können dies demonstrieren, indem sie z.B. Weiterbildungen in KI, die sie eigenverantwortlich initiiert und durchlaufen haben, oder konkrete Beispiele, wie sie ihre eigene Arbeitsweisen schnell an technologische Veränderungen angepasst haben  – und damit technological front-runners sind – in ihren Lebenslauf aufnehmen.

Augmented Skills gewinnen an Bedeutung

Neben rein technischen Fertigkeiten gewinnen „augmentierte Fähigkeiten“ an Bedeutung – also Kompetenzen, bei denen Mensch und KI gemeinsam bessere Ergebnisse erzielen als alleine. Beispiele hierfür sind AI-Augmented Problem Solving, AI-Augmented Decision Taking, AI-Augmented Strategic Planning oder AI-Augmented Creativity. Bei diesen “Augmented Skills” geht es um die Fähigkeit, im Tandem mit KI-Systemen arbeiten zu können – sei es der Marketing-Manager, der KI für Kampagnen-Analysen oder hyperindividualisierte Kampagenenentwicklung nutzt, der Produktentwickler, der gemeinsam mit KI Prototypen entwickelt und mit Marktforschungsdaten abgleicht, oder die Managerin, die mittels KI-Prognosen bessere Entscheidungen trifft.

Wenn Bewerber Augmented Skills im Lebenslauf betonen und dabei konkrete Beispiele nennen, signalisieren sie: “Ich kann mit KI als Teammitglied umgehen und dadurch Mehrwert schaffen.”

Meta- und Sozialkompetenzen werden neu definiert

Gerade weil KI-Systeme täglich leistungsfähiger werden, rücken Meta-Kompetenzen, die helfen, mit den Veränderungen Schritt zu halten, sowie Sozialkompetenzen als menschliches Unterscheidungsmerkmal in den Vordergrund. Meta-Kompetenzen sind übergeordnete Fähigkeiten, die helfen, sich an neue Anforderungen anzupassen – beispielsweise kritisches Denken, Lernfähigkeit, Veränderungsmanagement oder Resilienz. Diese Fähigkeiten sind grundsätzlich gut trainierbar, indem man sie “on-the-job” im Alltag bewusst anwendet. Als Beispiel sind hier “AI-enabled Learning and Knowledge Management” zu nennen, die es ermöglichen, Wissen deutlich schneller individuell aufbereiten, aufnehmen und anwenden zu können.

Solche Metakompetenzen sollten Bewerber im Lebenslauf explizit aufführen, indem konkrete Erfolgsbeispiele genannt werden, die genau jene Metakompetenzen und deren Umsetzung im Alltag mit konkreten Ergebnissen beschreiben. Ich habe mir bspw. angewöhnt, auf Konferenzen anderen Experten aufmerksam zuzuhören, und Google’s NotebookLM dabei als mein “Second Brain” zu nutzen, in das ich Erkenntnisse sofort eingebe und dort strukturieren und mit vorhandenem Wissen KI-basiert verknüpfen lasse. So geht zum einen Wissen nicht verloren und wird mit vorhandenen Daten im “Second Brain” neu verknüpft, was für mein wissenschaftliches Arbeiten und meine Publikationen sehr wertvoll ist.

Auch zwischenmenschliche Fähigkeiten werden im KI-Zeitalter neu definiert und gewinnen deutlich an Wert. “Warme Tätigkeiten”, die ein ausgeprägtes Maß an Empathie, Intuition, Fingerspitzengefühl, Vertrauen und damit emotionale Intelligenz erfordern, lassen sich nur schwer automatisieren. In einer Arbeitswelt der Zukunft, in der wir perspektivisch weniger Menschen mit mehr Fähigkeiten benötigen werden, werden gerade die weichen Sozialkompetenzen zur neuen “harten Währung” am Arbeitsmarkt der Zukunft. Viele Menschen denken, dass Sozialkompetenzen angeboren seien, da sie stark an der Persönlichkeit hängen. Tatsächlich aber lassen sich Sozialkompetenzen ebenso gut trainieren wie fachliche, methodische oder Meta-Kompetenzen. Zudem werden soziale Kompetenzen im Zeitalter von KI neu definiert. “Teamfähigkeit” bedeutet eben nicht mehr nur, erfolgreich mit anderen Menschen zu arbeiten, sondern auch erfolgreich mit KI-Assistenten und autonomen KI-Agenten  und diese orchestrieren zu können. “Empathie” bedeutet immer mehr auch “digitale Empathie” empfinden zu können, d.h. sich in Menschen hineinversetzen zu können, deren Mimik und Körpersprache nur in der digitalen Version erfasst werden können.

Für die Erstellung von Lebensläufen heißt das, Sozialkompetenzen gezielt hervorzuheben und zu beschreiben, wie sie bereits neu definiert in spezifischen Aufgabenkontexten angewendet werden.

Fazit: Ein neues Zeitalter für den Lebenslauf

Die Art, wie wir Lebensläufe schreiben und lesen, steht vor einem Paradigmenwechsel. In einer durch KI geprägten Arbeitswelt zählen tatsächliche Fähigkeiten, kontinuierliche Weiterentwicklung und Sozialkompetenzen mehr denn je. CVs, die als attraktiv wahrgenommen werden, spiegeln die neuen Anforderungen der Arbeitswelt der Zukunft wieder: technische Exzellenz, Adaptabilität und menschliche Stärke.

Und was sollten wir nun unseren Kindern für ihren Werdegang raten, die in eine Arbeitswelt eintreten werden, die so völlig anders aussehen wird als alles, was wir bislang kannten?

Hier ein paar Botschaften, die trotz aller Zukunftsambiguität und Veränderungsdynamik ziemlich sicher Bestand haben werden:

  • Seid richtig gute Menschen.
  • Knüpft Netzwerke.
  • Habt Empathie für Euch selbst und andere.
  • Hängt nicht an einer beruflichen Identität, sondern bleibt neugierig und wandelbar.
  • Agiert wie “Unternehmer:innen an Eurem eigenen Kompetenzportfolio”: Habt den Markt und den Wettbewerb im Blick, investiert, geht kalkulierte Risiken ein und schaut strategisch in die Zukunft.
  • Lernt die “Golden Skills”, also Fähigkeiten, die relevant und schwierig sind.
  • Und: Sucht Euch etwas, was Ihr genießt und Euch Sonntagabend mit einem guten Gefühl auf Montag morgen blicken lässt.

Wenn Ihr die ausführliche Version dieser Newsletterausgabe lesen wollt, in der ich die konkreten neuen Anforderungen beleuchte, wie attraktive CVs im neuen KI-Zeitalter zu erstellen sind, um den neuen inhaltlichen und technischen Anforderungen gerecht zu werden, könnt Ihr dies auf der Plattform Substack tun.  Zur Langversion meines Newsletter auf Substack gelangt Ihr hier:

https://open.substack.com/pub/yasminweiss/p/cv-der-zukunft-wie-erfolgreiche-lebenslaufe?r=4e6ub6&utm_campaign=post&utm_medium=web&showWelcomeOnShare=false

Ich hoffe, viele von Euch auf Substack wiederzutreffen, der internationalen Publikations- und Contentplattform, auf der tiefergehendes Wissen mit mehr Details geteilt wird.

Herzlich

Eure

Yasmin Weiß