„Noch nie war so viel Anfang wie jetzt.“

Diesen Satz schrieb ich vor einigen Monaten an dieser Stelle. Doch wenn wir heute, kurz vor dem Jahr 2026, auf die technologische Landkarte schauen, müssen wir uns eingestehen: Die große weltweite KI-Party hat nicht nur begonnen – sie hat in einen neuen Modus gewechselt. Daher ist diese Newsletterausgabe ein Update und nimmt die wesentlichsten Veränderungen in den Blick, die sich für unsere Fähigkeiten für das Jahr 2026 ergeben.

Historischer Übergang zu Agentic AI

Wir erleben derzeit einen historischen Phasenübergang: Den Sprung von der Generativen KI, die uns auf unsere Anweisungen (Prompts) Texte, Bilder, Videos und Analysen lieferte, hin zur Agentic AI – autonome Systeme, die eigenständig handeln, planen, Ziele verfolgen und ganze Workflows ausführen. Ich selbst habe die letzten Monate meine Zusammenarbeit mit KI-Agenten intensiviert. Ich baue mir meine eigenen Agenten (no Rocket Science), gebe ihnen Zugriff auf kuratierte Datenpools, gebe ihnen das Ziel vor und lasse sie weiterarbeiten, wenn ich mit meinen Kindern unterwegs, beim Sport bin oder meine Studierenden im Hörsaal unterrichte. Täglich werde ich besser darin, mein Team aus unterschiedlichen KI-Agenten zu orchestrieren, sie miteinander arbeiten zu lassen, und ein immer besseres Gespür dafür zu bekommen, bei welchen “Kontrollpunkten” und “Arbeitsschritten” meine menschlichen Mitarbeiter und ich selbst gefragt sind.

Ein Land wie Deutschland, dessen wichtigste Ressource im internationalen Wettbewerb nicht im Boden vergraben ist, sondern zwischen unseren beiden Ohren wächst, darf diesen Wandel nicht verschlafen. Gerade unsere individuellen und kollektiven “Skill Stacks” (Baukästen mit Fähigkeiten, die wir miteinander verbinden) entscheiden darüber, wie wettbewerbsfähig wir zukünftig sein werden.

Was sind also die Fähigkeiten, die wir für 2026 wirklich brauchen? Hier ist mein aktualisierter Vorschlag für die 26 essenziellen Skills im Zeitalter von Agentic AI ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

🧠 I. Managing Yourself: Die Fähigkeit, geradeaus zu denken

Da Maschinen immer besser darin werden, Antworten zu geben, müssen wir Menschen immer besser darin werden, unser eigenes Denken zu schärfen und die richtigen Fragen zu stellen.

  1. Kognitive Souveränität: Die Disziplin, bestimmte Aufgaben im Alltag bewusst ohne KI zu lösen, um unser eigenes Denkvermögen nicht verkümmern zu lassen („Use it or lose it“) und unsere Kontrollfähigkeit über die Arbeitsleistung von KI zu bewahren.
  2. Fähigkeit zum „Unlearning“: Alte Denk- und Verhaltensmuster bewusst ablegen, um neue Paradigmen zu akzeptieren und neue Muster zu erlernen.
  3. Kritisches Denken als „Cognitive Firewall“: KI-Ergebnisse und Informationen im Netz stets kritisch hinterfragen. (“Im Zweifel für den Zweifel sein.”)
  4. Persönliche Resilienz gegen „Technostress“: Widerstandskraft gegen die ständige Beschleunigung (Techno-Overload) und die Unsicherheit (Techno-Insecurity) aufbauen und einen smarten Umgang mit Technologie entwickeln.
  5. Selbstreflexion & Identitäts-Fluidität: Wer bin ich, wenn die KI meine Arbeit macht? Sich nicht über die Rolle, sondern über menschliche Kompetenz definieren und anpassungsfähig bleiben.
  6. Empathie für das eigene „Future Self“: Selbstdisziplin heute (z.B. in Bezug auf lebenslanges Lernen) als Akt der Fürsorge für das eigene Ich von morgen begreifen. Den langfristigen Nutzen über die kurzfristigen Bedürfnisse stellen.
  7. „Grit“ (Positive Sturheit bei der Zielerreichung): Durchhaltevermögen zeigen, gerade dann, wenn die Widerstände groß sind und die Lernkurve steil und frustrierend ist.
  8. Ethischer Kompass: Wenn Agenten autonom handeln, müssen Menschen die ethischen Leitplanken definieren und verantworten; ethisches Denken und Handeln muss gerade in der Krise weiter ausgebaut werden.
  9. Neugier als Treibstoff: In der Veränderung die neuen Möglichkeiten sehen, die es zu entdecken gibt und neugierige Fragen stellen.

❤️ II. Managing Cooperation with Humans: The Human Premium

„Magic moments happen between humans.“ Das bleibt unsere menschliche Bastion.

  1. (Digitale) Empathie: Sich in Menschen hineinversetzen und ihre Bedürfnisse und Gefühlslage verstehen, auch dann, wenn die Kommunikation und Interaktion im virtuellen Raum stattfindet.
  2. Kontext-Intelligenz: Kontextverständnis und die kontextspezifische Interpretation von Daten sowie Intuition für die (unausgesprochenen) Zwischentöne stärken.
  3. Konfliktlösungskompetenz: Wo KI auf Effizienz trimmt, müssen Menschen komplexe Interessenskonflikte und Emotionen aushandeln.
  4. Vertrauensbildung (Trust Building): In einer Welt voller Unsicherheit, Veränderung und skalierbaren Falschinformationen (Deepfakes) wird echtes menschliches Vertrauen zur härtesten Währung.
  5. Inclusive Collaboration: Diverse menschliche Perspektiven integrieren, um den „Bias“ der KI auszugleichen.
  6. Soziale Intuition: Das „Bauchgefühl“ für Gruppendynamiken, das in Datenpunkten nicht erfasst werden kann.

🤖 III. Managing Cooperation with Technology: Vom User zum Orchestrator

Die Leistung eines Unternehmens hängt immer weniger von der Anzahl an Mitarbeitern ab, sondern von der Qualität der Zusammenarbeit mit Technologie.

  1. Agent Orchestration: Die Fähigkeit, Teams aus autonomen KI-Agenten Ziele zu steuern, sie zu überwachen und ihre Ergebnisse zusammenzuführen.
  2. Anschluss-Kompetenz: Die Fähigkeit, fachliche Expertise (Domain Know-how) mit KI-Kompetenz zu kombinieren und in aufgabenspezifischen Kontexten wirksam einzusetzen.
  3. Evaluations-Kompetenz (Human-in-the-loop): Wissen, wann man die Kontrolle abgeben kann und wann menschliches Eingreifen („Exception Handling“) zwingend nötig ist.
  4. Digitales Wissensmanagement („Second Brain“): KI-Tools (z.B. NotebookLM) nutzen, um Wissen nicht nur zu speichern, sondern intelligent zu vernetzen.
  5. Daten-Intuition und -Sensibilität: Verstehen, wie persönliche und Unternehmensdaten zu schützen sind und wie Daten für KI-Systeme sicher verwendet werden können.
  6. Hybride Teamfähigkeit und “Skill Augmentation”: Fähigkeit, im Team mit anderen Menschen und mit Technologie erfolgreich zu arbeiten und menschliche Fähigkeiten mit Hilfe von KI zu erweitern (z.B. Augmented Decision Taking).

🚀 IV. Managing Business: Strategie im Zeitalter des „Botscaling“

Fähigkeit, sich das Unvorstellbare vorzustellen, und Entscheidungen für eine Zukunft zu treffen, die wir noch nicht kennen

  1. Botscaling-Verständnis: Wissen, wie man Geschäftsmodelle nicht nur durch mehr Menschen („Headcount“), sondern durch mehr Agenten skaliert.
  2. Entscheiden unter Unsicherheit: Fähigkeit, auch bei ausgeprägter Dynamik und Unsicherheit handlungs- und entscheidungsfähig zu sein.
  3. Umgang mit Multirationalität: Verschiedene relevante Logiken (z.B. menschliche Ethik vs. Effizienz) zu integrieren und ausgewogen zu entscheiden.
  4. Strategische Weitsicht: Szenarien antizipieren, bevor sie in den Daten sichtbar werden und eine Zukunftsvision entwickeln, auch wenn sie unvorstellbar erscheint.
  5. Verlustkompetenz: Die vielleicht wichtigste Fähigkeit – das Gute und Gewohnte aufzugeben, um das Zukunftsfähige zu schaffen („Creative Destruction“) .

Und jetzt?

„We enter a very unfamiliar world.“

Ich bin mir sicher: Die Investition in diese 26 Fähigkeiten ist eine wirksame Versicherung gegen persönliche Unsicherheit und schleichende Irrelevanz durch Kompetenzverlust. Wer Zukunft gestalten will, braucht Kompetenz.

Da Maschinen immer besser darin werden, richtig gute Maschinen zu sein – effizient, schnell, unermüdlich –, sollten wir Menschen immer besser darin werden, richtig gute Menschen zu sein.

Wenn Ihr die ausführliche Version dieser Newsletterausgabe lesen wollt, in der ich die spürbaren Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt beleuchte, könnt Ihr dies auf der Plattform Substack tun.

https://open.substack.com/pub/yasminweiss/p/26-skills-fur-2026-das-erforderliche?utm_campaign=post-expanded-share&utm_medium=web

In diesem Sinne: Happy Unlearning and New Learning und alles erdenklich Gute für ein gesundes, glückliches und hoffentlich friedlicheres Jahr 2026 mit vielen “Magic Moments with other Humans”.

Eure

Yasmin Weiß