Ziemlich genau 10 Jahre ist es her, dass ich mich von einem mir sehr nahestehenden Menschen verabschiedet habe. Sie hatte Krebs im Endstadium und ließ nicht nur ihren Mann, sondern auch ihren damals 11-jährigen Sohn zurück. Während wir unsere letzten gemeinsamen Tage miteinander verbrachten, fragte ich sie, ob sie einen Wunsch habe, den ich ihr erfüllen könne. Sie bat mich, für ihren Sohn da zu sein. Als emotionale Stütze, aber auch als Bezugsperson für Schule und weiteren Werdegang. „Unterstütz‘ ihn bitte, dass er seinen Weg an die Universität findet.“, war eine ihrer letzten Bitten an mich.
Ihr Sohn hat vor drei Jahren – mit 18 Jahren – ein sehr gutes Abitur gemacht. Ihm standen so viele Optionen offen und wir sprachen darüber, welcher Weg für ihn nun der richtige sei. Sein Wunsch war es, nicht zu studieren, sondern Handwerker zu werden. Er sagte mir, er habe als Schülerpraktikant in einen Handwerksbetrieb hineingeschnuppert und es habe ihm gut gefallen. Er wolle zunächst mit „seinen Händen arbeiten“. Trotz des Versprechens an seine Mutter sagte ich ihm, dass ich seine Entscheidung gut finde – und dass ihm nach Ausbildungsende noch immer alle Türen offen stehen würden.
Ich bin überzeugt, dass ein Ausbildungsberuf einer universitären Ausbildung nicht per se unterlegen ist, auch wenn dies oftmals in der öffentlichen Wahrnehmung so empfunden wird. Wir tendieren in unserer Gesellschaft zu einer „Überakademisierung“, durch die sich auch einige junge Menschen dazu verleiten lassen, ein Studium zu beginnen, für die eine Ausbildung die geeignetere Wahl wäre. Hinter dem Wunsch, dass die eigenen Kinder ein Studium absolvieren, stehen ja oft andere Motive als der Hochschulabschluss an sich: Eltern wünschen sich für ihre Kinder einen sicheren Job, finanzielle Unabhängigkeit und gesellschaftliches Ansehen.
Gerade verändert sich der Arbeitsmarkt radikal- und damit auch, was „sichere Jobs“ in der Zukunft sind. Die große KI-Transformation verändert Geschäftsmodelle, Arbeitsabläufe, Aufgabenverteilung zwischen Mensch und Maschine, Tätigkeiten, Rollen, Anforderungsprofile und die Spielregeln für erfolgreiche berufliche Werdegänge. Damit erneuern sich die Variablen für kluge Entscheidungen für Ausbildungsweg und beruflichen Werdegang. Die nächste Generationen an Arbeitskräften können sich weniger an den beruflichen Verläufen und deren Gesetzmäßigkeiten ihrer Vorgängergenerationen orientieren. Damit lässt die Beratungskompetenz vieler wohlmeinender Eltern und anderer Bezugspersonen deutlich ab. Wer dies nicht erkennt, läuft in Gefahr, auf Basis vergangenheitsbezogener Erkenntnisse den Nachwuchs mit bestem Wissen und Gewissen in eine falsche Richtung zu lenken.
Daher ist diese Newsletterausgabe der Frage gewidmet, die nahezu alle von uns betrifft – und bei Weitem nicht nur junge Menschen: „Was kommt, was geht, was bleibt am Arbeitsmarkt der Zukunft?“ Worauf sollten wir achten, wenn wir jetzt kluge Entscheidungen für Ausbildung und unseren weiteren beruflichen Werdegang treffen möchten?
Hyperautomatisierung und neue Jobs, die wir heute noch nicht kennen
Einer McKinsey-Studie zur Folge lassen sich mit den aktuell verfügbaren Technologien bereits 60-70 Prozent der Tätigkeiten, die heute noch von Menschen ausgeführt werden, grundsätzlich automatisieren. Auch wenn es sicherlich nicht das Ziel sein sollte, alles zu automatisieren, was grundsätzlich automatisierbar ist, so wird doch deutlich, dass das Zeitalter der Hyperautomatisierung begonnen hat. Die agentischen KI-Systeme, die im Jahr 2025 auf den Markt kommen und große Teile der Wissensarbeit automatisieren können, sind Vorboten dieser rasanten Entwicklung.
65% Prozent der Kinder, die gerade mit der Schule begonnen haben, – zum Beispiel auch meine eigenen – werden einmal in Jobs arbeiten, die wir heute noch gar nicht kennen. Während also viele neue neue Jobs und neue Rollen entstehen werden, werden andere Tätigkeiten und Rollen, die es seit Jahrzehnten gegeben hat, sukzessive automatisiert und verschwinden vom Arbeitsmarkt.
Das macht die Frage für uns so relevant: Welche Tätigkeiten können wir Menschen auch in mittelfristiger Zukunft (langfristige Prognosen sind bei sich exponentiell entwickelnden Technologien schwer zu treffen!) deutlich besser ausführen als Maschinen? Welche Tätigkeiten werden nicht vollständig automatisiert werden? Auf was können wir bauen, wenn wir unsere Beschäftigungsfähigkeit erhalten und unsere Teamfähigkeit mit Technologie ausbauen möchten? Was sind unsere humanen Super Skills, die uns Menschen am Arbeitsmarkt der Zukunft weiterhin wertvoll machen? Hier meine Antworten auf diese Fragen:
Tätigkeiten, die wir Menschen besser beherrschen als Maschinen
- Handwerkliches und Feinmotorisches: Das „moravsche Paradox“ besagt, dass Aufgaben, die uns Menschen sehr leicht fallen, Robotern ziemlich schwer fallen, weil feinmotorische Fähigkeiten sehr hohe Rechenressourcen erfordern. Bereits ein zweijähriges Kind kann problemlos reife Erdbeeren mit dem passenden Druck pflücken, für Roboter ist es schwer und derzeit unwirtschaftlich, diese feinmotorische Fingerfertigkeit und Beweglichkeit gut nachzuahmen. Ein geschickter Handwerks-Azubi kann in einem engen Raum ein altes Waschbecken abmontieren und ein neues anbringen und situationsspezifische Besonderheiten, die vorher nicht bekannt waren, berücksichtigen; ein Roboter tut sich hier weiterhin schwer.
- Ethisches und Moralisches: Algorithmen besitzen per se keine Werte, sondern übernehmen das Wertegerüst ihrer Entwickler. Ethisches Beurteilen von neuen Situationen, Abwägen von verschiedenen Argumenten, die sich auch widersprechen können, sowie erfahrungsbasiertes Entscheiden unter Rückgriff auf universelle menschliche Werte wie Würde, Chancengleichheit, Nächstenliebe und Freundlichkeit: das sind Stärken, die uns Menschen vorbehalten sind. Ein Handwerker oder Arzt kann einen Kunden bzw. Patienten in Notlage kurzfristig einpriorisieren und mit warmherzigen Worten beruhigen, ein Roboter kann das nicht in gleicher Qualität.
- Intuitives und Unlogisches: In vielen Tätigkeitsfeldern ist Intuition gefragt, auch wenn sie der Datenlage oder der rationalen Logik widerspricht. Beispielsweise sind kulturelle Transformationsprojekte in Unternehmen meist nicht nur mit Logik und rationalen Argumenten voranzutreiben, sondern mit Intuition und empathischem Fingerspitzengefühl für die Stimmung in der Belegschaft. In vielen Berufen – wie bei Ärzten, Polizisten, Wissenschaftlern, Politikern und Unternehmenslenkern ist erfahrungsbasierte, emotional-intelligente Intuition für Menschen und Situationen gerade das, was eine Spitzenkraft in diesem Bereich ausmacht.
- Vertrauensstiftendes: Menschen vertrauen Menschen immer noch mehr als Technologie. Überall, wo Vertrauen zwischen Menschen sowie ein besonderes Maß an Empathie besonders wichtig sind, präferieren Menschen Menschen. Das wird auch zukünftig so sein. Als ich neulich auf dem Rückflug von Singapur nach München in einem Flugzeug saß, das kurz nach dem Start von einem Blitz getroffen wurde, war ich sehr froh, dass sich die vertrauenserweckende Stimme des erfahrenen Kapitäns aus dem Cockpit meldete und die Passagiere beruhigte, und nicht die synthetische Stimme eines Autopiloten.
- Emotionales und Empathisches: In allen Tätigkeitsfeldern, in denen emotionaler Mehrwert geschaffen wird, ist der Mensch kaum zu ersetzen. Ein aufrichtiges Lächeln zwischen zwei Menschen, eine sanfte Berührung, das vermittelte Gefühl von Wertschätzung, Warmherzigkeit und Zugewandtheit: das können wir Menschen deutlich besser als Maschinen. Wir haben die Möglichkeit, jede Interaktion mit anderen Menschen während der Arbeit mit so viel Menschlichkeit zu füllen, dass sie nicht in gleicher Qualität durch leistungsfähige Technologie verrichtet werden kann. Dies gilt im Service, im Handwerk, in der Lehre, in der medizinischen Versorgung und bei allen Jobs in Unternehmen, die nach innen und außen Interaktionen mit anderen Menschen erfordern.
Wenn diese humanen Super Skills erstens miteinander kombiniert , zweitens mit Technologiekompetenz zusammengeführt und drittens im Zusammenspiel mit fachlicher Expertise und Erfahrung angewendet werden, entstehen nachhaltig wertvolle und schwer zu ersetzende Qualifikationsprofile. Wir haben also die Wahl und Handlungsspielraum, um am Arbeitsmarkt der Zukunft relevant zu bleiben. Hier drei konkrete Beispiele:
- Ein Zahnarzt, der sich mit ausgeprägter Feinmotorik im Mundraum des Patienten bewegt, empathische Worte findet, wenn der Patient Angst vor der Behandlung hat und neueste medizinische Technologien sinnvoll anwenden kann, ist schwer durch einen Zahnarzt-Roboter zu ersetzen.
- Eine Lehrerin, die das Potenzial ihrer Schüler erkennt, ihnen aufmerksame Zugewandtheit und Warmherzigkeit im Unterricht schenkt, inspirierend wirkt und neue Technologien wie künstliche Intelligenz für individualisierbare Lernpfade einsetzt, ist kaum durch rein digitale Lernformate zu ersetzen.
- Und ja, um einen empathischen, freundlichen, den Kunden und ihren Problemen zugewandten Handwerker, der sein Aufgabengebiet beherrscht und seine Arbeit im Backoffice digitalisiert, gut organsiert ist und mit künstlicher Intelligenz so optimiert, dass er mehr Zeit für seine Arbeit beim Kunden hat, um den mache ich mir am Arbeitsmarkt der Zukunft auch wenig Sorgen.
Fragen für smarte Entscheidungen
Kluge Entscheidungen für Ausbildung und weiteren Werdegang berücksichtigen drei Fragen und basieren auf Antworten, die sich in der Schnittmenge ergeben:
- Welche Aufgaben und damit Rollen liegen im Bereich meiner persönlichen Stärken und Interessen?
- Welche Qualifikationen werden nicht nur jetzt, sondern in Zukunft nachgefragt sein und wie erwerbe ich die erforderlichen Kompetenzen hierfür?
- Wie nutze ich Technologie so smart, dass ich im Wettbewerb mit anderen Menschen und mit Technologie erfolgreich bestehen kann und weiterhin gebraucht werde?
Und natürlich sollten wir uns auch die entscheidende übergreifende Frage stellen: Wie werde ich ein lebenslang lernender Mensch, der Lernen zum täglichen Ritual macht, so selbstverständlich wie tägliches Zähneputzen? Der nicht an einer bestimmten beruflichen Identität und Rolle hängt, sondern bereit ist, das gedankliche Konzept einer linear verlaufenden beruflichen Karriere zu verabschieden und neugierig auf eine „Mosaikkarriere“ zu sein, die sich aus verschiedenen bunten Bausteinen zusammensetzt? Menschen, die diese Fragen gut beantworten, haben einen klaren Wettbewerbsvorteil.
What’s next?
Vor drei Tagen schloss der Sohn meiner Freundin, der mir sehr ans Herz gewachsen ist, seine Gesellenprüfung und damit seine Ausbildung als Handwerker erfolgreich ab. Ich flog zu ihm, wir gingen abends essen, um auf diesen Meilenstein anzustoßen, und um zu quatschen. Ich fragte ihn, ob ihm sein Job Spaß mache, ob er gut mit seinem Chef, seinen Kollegen und seinen Kunden auskomme und mit welchem Gefühl er Sonntag abends auf Montag morgens blicke. Er sagte, er mag sein soziales Umfeld und er mag seinen Job. Er plane nun mit der Ausbildung zum Meister weiterzumachen, um in Zukunft einen Handwerksbetrieb selber zu führen. Er hatte sich ferner entschlossen, an der Fernuniversität Hagen ein betriebswirtschaftliches Studium parallel zu absolvieren. Und ich sagte ihm, dass wir in den kommenden Monaten uns gemeinsam ansehen werden, welche Rolle künstliche Intelligenz im Handwerk spielen kann. Er fand das spannend.
Als wir uns zum Abschied umarmten, spürte ich die Hoffnung in mir, dass seine Mutter oben im Himmel mit diesem Weg einverstanden ist und stolz auf ihn ist, dass er sich traut, einen Weg einzuschlagen, der zu ihm und zur Arbeitswelt der Zukunft passt. Oftmals ist es schwieriger, diesen Weg zu wählen, als auf ausgetretenen Pfaden zu laufen.
Euch allen schöne und erholsame Pfingsttage
Eure Yasmin Weiß